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Die Jünger von Tempelhof

Fluglärmgegner gibt es überall. Aber nur Berlin hat eine Initiative, die einen Flughafen in ihrer Nachbarschaft verteidigt.

Die Zeit, 29. November 2007

Von Christoph Seils

Jürgen tom Felde lebt in Steglitz, sein Kleingarten liegt seit Mauertagen in der Einflugschneise des Flughafens Tempelhof. Jetzt steht er im ehemaligen Airbase-Restaurant und protestiert – nein, nicht gegen den Fluglärm, sondern gegen den Berliner Senat, der Tempelhof schließen und den Lärm für immer zum Verstummen bringen will. »Der Flughafen gehört zu Berlin«, sagt der 71-Jährige. Im Hintergrund der Protestaktion wird Swing gespielt, der Rentner redet von Rosinenbombern, GIs und von der legendären Fluggesellschaft Pan Am. Der Erhalt des Flughafens ist für ihn »eine Frage der Tradition«.

Verkehrte Welt. Seit Monaten kämpfen Enthusiasten nicht gegen, sondern für den Erhalt eines Flughafens mitten in der Stadt. Knapp 80000 Berliner haben sich seit Oktober auf den Bezirksämtern in Abstimmungslisten eingetragen. Es sind ganz überwiegend Westberliner und, so paradox es klingen mag, vor allem die Bewohner von Neukölln, Tempelhof und Schöneberg, die jahrzehntelang unter dem Fluglärm litten. Der Krach am Himmel hält sich mittlerweile in Grenzen, weil nur noch rund ein Dutzend kleine Linien- und ein paar Privatflieger am Tag auf dem hochdefizitären Flughafen landen. Aber der Mythos Tempelhof lebt.
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Wie eine Trutzburg gegen die Moderne wirkt der 1934 erbaute riesige graubraune Klotz mit den kantigen Säulen und schmalen Fenstern. Niemand kann damit etwas anfangen, nicht mit und auch nicht ohne Landebahn. Allein der Unterhalt kostet mindestens zehn Millionen Euro im Jahr. Eine auch nur oberflächliche Sanierung der baufälligen Gebäude würde schätzungsweise eine halbe Milliarde Euro verschlingen. Bislang ist deshalb noch jeder seriöse Investor abgesprungen. Die Initiatoren des Volksbegehrens verkünden trotzdem voller Inbrunst, Manager aus aller Welt würden viele Arbeitsplätze in Tempelhof schaffen, wenn sie ihre Privatflieger direkt neben ihrem Büro parken dürfen. Ein amerikanischer Milliardär geht seit Längerem mit der Idee hausieren, dort ein Gesundheitszentrum einzurichten, Luxushotel inklusive. Die Reichen und Schönen der Welt sollen direkt am OP-Tisch landen können. Darüber hinaus sollen dort 120000 Kassenpatienten im Jahr behandelt werden. Klingt gut, hat nur zwei Haken. Erstens fordert auch dieser Investor hohe Subventionen, zweitens hat Berlin schon jetzt zu viele Krankenhäuser und Fachärzte.

So schüren die Flughafenfreunde Illusionen. Die Eigentümer hingegen streiten bereits darüber, wer die hohen Folgekosten der Schließung trägt. Der Bund würde seinen Anteil am Flughafen gerne der Stadt übertragen, Berlins Finanzsenator Thilo Sarrazin den Landesbesitz an demselben am liebsten dem Bund schenken. Ein Filetgrundstück sei der Flughafen nicht, sagte er kürzlich auf seine unnachahmlich direkte Art. Und wenn, dann »schauen schon die Maden raus«.

Der Aufschrei war gewaltig. Niemand will diese unbequeme Wahrheit hören. So nährt auch Stadtentwicklungssenatorin Ingeborg Junge-Reyer die Hoffnung, das Gelände besitze »Zukunftspotenzial«. Leider leidet die Stadt an vielem, nur nicht an fehlendem Platz. Ein Konzept für die Nachnutzung von Tempelhof hat der Senat nicht entwickelt, obwohl die Stilllegung schon vor elf Jahren beschlossen wurde.

Das rächt sich jetzt. Denn sollten bis Februar 170000 Unterschriften zusammenkommen, findet eine Volksabstimmung statt, und der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit bekommt ein Problem. Einerseits singt der rot-rote Senat das Hohelied der direkten Demokratie, gerade hat er die Quoren für Volksbegehren gesenkt. Andererseits lässt Wowereit keinen Zweifel daran, dass er den Flughafen schließen wird, egal, was das Volk entscheidet. Für ihn ist das Aus eine unabdingbare rechtliche Voraussetzung dafür, dass am Stadtrand in Schönefeld der neue Großflughafen Berlin-Brandenburg International gebaut werden darf. Ob das wirklich so ist, darum tobt ein Gutachterkrieg, aber Wowereit hat sich festgelegt.

Richtig basisdemokratisch geht es allerdings auch bei den Tempelhof-Freunden nicht zu. Rund 300000 Euro kostet die Kampagne. Eine Handvoll Sponsoren finanziert sie. Namen werden nicht genannt. Dieter Schlobach, Vorstand der Initiative, erklärt vielsagend, »die Sponsoren haben wirtschaftliche Interessen«. Vermutlich vor allem daran, dass die Steuerzahler weiterhin für den Mythos Tempelhof aufkommen.

© Christoph Seils, Berlin