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Blüte mit Blässen

15 Quadratkilometer Berlin - jenseits des Regierungsviertels setzt in der Hauptstadt der Verfall ein.

Frankfurter Rundschau, 10. Januar 2004

Von Christoph Seils

Die legendären zwanziger Jahre sind zurück. Hoch aufgeschossen ist die Sandsteinfassade, klassischen Wolkenkratzern in den USA nachempfunden. Das Foyer klassisch, mit Marmortreppen, Kronleuchtern und vergoldeten Kapitellen. Wenn am kommenden Montag das Ritz-Carlton Hotel am Potsdamer Platz öffnet und Pagen mit schwarzen Hütchen erste zahlungskräftige Gäste begrüßen, hat Luxus einen neuen Treffpunkt in der Mitte Berlins. Die heißesten Bälle, die nobelsten Empfänge, die bedeutendsten Kongresse soll es hier geben, und weil offenbar der Bedarf an Edelabsteigen nicht gedeckt ist, eröffnet am selben Tag um die Ecke noch ein Fünf-Sterne-Hotel, das Marriott. Zehn Sterne für die Hauptstadt.

Von Krise keine Spur. Weder die leere Stadtkasse noch das Desinteresse an Hauptstadtdebatten können den Boom aufhalten. Gerade erst mahnte Bundespräsident Johannes Rau, die „Funktion von Berlin als Hauptstadt“ neu zu definieren. Und der ehemalige Kulturstaatsminister Michael Naumann forderte, der Bund müsse „die Hauptstadt vor dem Ruin retten“. Dabei ist die ein Selbstläufer. Vor ein paar Wochen wurden die letzten neuen Bundestagsbauten eröffnet, an der Kochstraße im alten Zeitungsviertel machte diese Woche der Springer-Verlag die hauseigene Einkaufspassage auf. Überall im Regierungsviertel schließen sich Baulücken, die Ruine des Palasts der Republik reißt man endlich ab. Vor allem Kultur ist angesagt. Gleich zwei bedeutende internationale Kunstsammlungen werden bald dauerhaft in Berlin zu sehen sein, Fotos des Starfotografen Helmut Newton und Bilder aus der Sammlung des Konzernerben und Mäzens Friedrich Christian Flick. Der Fernsehsender MTV zieht an die Spree, die Messe Pop-Komm ebenso. Berlin gilt als cool, innovativ und vor allem billig. Und wo das als Überzeugungskraft nicht reicht, hilft der Senat mit Fördermitteln gerne ein wenig nach.

Wer mitmischen will, singt das Hauptstadt-Lied, wer Einfluss sucht, drängt nach Berlin. Der Bundesnachrichtendienst baut sein neues Domizil dort, wo früher das Stadion der Weltjugend stand, auch das Bundeskriminalamt sucht Bauland. Es wird nicht lange dauern, bis alle in Bonn verbliebenen Ministerien an die Spree ziehen, Reserveflächen hält man vor. Schon jubelt Stadtentwicklungssenator Peter Strieder (SPD), „Berlin wird der politische und gesellschaftliche Mittelpunkt Deutschlands“.
Doch die Hauptstadt konstituiert sich nicht so, wie es sich sozialdemokratische Stadtplaner nach der Wende gedacht hatten. Anfang der neunziger Jahre wurden verteilt über die ganze Stadt Brachflächen als Entwicklungsgebiete ausgewiesen. Sie entpuppten sich, völlig am Bedarf vorbeigeplant, als Milliardengräber. Wenn Berlin heute praktisch pleite ist, liegt dies auch daran. Attraktiv ist das Gebiet zwischen Kurfürstendamm und Alexanderplatz, zwischen Lehrter Bahnhof und Jüdischem Museum. Auf diesen etwa 15 Quadratkilometern wird regiert, lebt die Kunst, tummeln sich die Touristen. Da ist Hauptstadt. Dahinter beginnt die große Ratlosigkeit. Es sind nur ein paar Kilometer von der pulsierenden Mitte in die Sonnenallee in Neukölln. Noch vor 30 Jahren war dies ein Westberliner Kiez-Boulevard mit blühendem Einzelhandel, jetzt herrscht Tristesse. Dort, wo früher eine Bank residierte, bietet ein Schnäppchenmarkt seine Waren feil. Fast jedes zweite Schaufenster ist vernagelt. In den meisten verbliebenen Geschäften spricht man Türkisch und Arabisch. Fast jeder Dritte links und rechts der Sonnenallee lebt von Sozialhilfe.

Neukölln steht nicht allein. Auch im Wedding, in Lichtenberg oder in Marzahn verlieren alte bezirkliche Zentren zunehmend an Bedeutung, öffentliche Gebäude verfallen, die Schlaglochdichte wird bedrohlich.

Berlin zerfällt, die Ausstrahlung der Hauptstadt ist begrenzt. Die Pleite der Stadt trifft nicht das Kanzleramt, nicht den Potsdamer Platz oder die Friedrichstraße. Die Krise trifft den Rest. Seit Jahren streiten Berliner Senat und Bundesregierung um die Finanzierung hauptstadtbedingter Lasten wie Sicherheit, Infrastruktur oder Kultur. Aber wenn Berlin die Bundesregierung vor dem Bundesverfassungsgericht auf Sonderhilfen in Höhe von 35 Milliarden Euro verklagt, um den überschuldeten Haushalt zu sanieren, braucht die Stadt das Geld nicht für repräsentative Pflichten. Welcher Staatsgast besucht den einst roten Wedding, welcher Tourist verirrt sich in die PDS-Hochburg Lichtenberg? Für die Sicherheit ausländischer Besucher rund um das Brandenburger Tor findet sich immer ein Geldtopf.

Die dramatischen Probleme Berlins beginnen erst dort, wo Regierungsviertel und Touristenmeilen enden. Schon am Alexanderplatz wird es schwierig. Seit Jahren bereits liegen die Pläne für den Bau von Hochhäusern auf dem Tisch. Die Skyline soll einmal zum Markenzeichen Berlins werden. Aber der Investor zögert, Büroraum, Wohnungen und Ladenflächen gibt es in Berlin in jeder Lage mehr als genug. Ein Stück die Landsberger Allee die Stadt hinaus lässt sich bereits teure Fehlplanung besichtigen. Nach Plänen des italienischen Stararchitekten Aldo Rossi sollte dort ursprünglich mal ein Einkaufszentrum entstehen. Es ist zwar sicherlich nicht die einzige, aber wohl eine der größten Investitionsruinen.

Natürlich gibt es Ausnahmen. Der Prenzlauer Berg hat sich vom maroden Ostberliner Szenebezirk zur attraktiven bürgerlichen Wohnstadt gemausert. Die Studenten haben die billigen Altbauten im Friedrichshain entdeckt. Selbst das schon totgesagte Kreuzberg erlebt völlig überraschend eine Renaissance. Der Wrangelkiez galt angesichts vieler Immigranten und Sozialhilfeempfänger über lange Jahre hinweg als soziales Problemviertel. Plötzlich ziehen Künstler in alte Fabrikhallen am Spreeufer, in der alten Heeresbäckerei, deren baufällige rote Backsteinfassade über Jahrzehnte das Spreeufer verschandelte, sollen demnächst Lofts entstehen, links und rechts der Spree entsteht in den kommenden Jahren auf dem alten Hafengelände ein völlig neuer Stadtteil. Aber nur privates Kapital wird hier investiert. Wenn der Bürgermeister einen Spielplatz bauen lassen will, muss er das Geld dafür dem Investor abbetteln. Behutsame Stadterneuerung gibt es faktisch nicht mehr. Zwei Jahrzehnte lang galt dies als stadtpolitisches Erfolgsrezept. Integration von Immigranten wird mittlerweile klein geschrieben. Jetzt schreitet die soziale und ethnische Entmischung voran.
Die Superreichen aber zieht es ins Zentrum. Das Ritz-Carlton gehört zum Beisheim Center, dem letzten großen Bauprojekt am wieder entstandenen Potsdamer Platz. Der Metro-Eigentümer Otto Beisheim hat sich für eine halbe Milliarde Euro an dieser Stelle ein architektonisches Denkmal gesetzt - teure Hotels, noble Geschäfte, luxuriöse Apartments. Über Preise wird nicht geredet, die Nachfrage sei groß, mehr ist offiziell darüber nicht in Erfahrung zu bringen. Doch einen zweistelligen Millionenbetrag sollten Interessenten schon flüssig machen können, wenn sie sich mit Blick auf den Tiergarten, der grünen Lunge Berlins, häuslich einrichten wollen.

Im Ritz-Carlton kann selbst der ganz normale Berliner zumindest ein wenig vom luxuriösen Glanz erhaschen. In der Brasserie des Hauses ist der Milchkaffee für fünf Euro fast ein Schnäppchen.

© Christoph Seils, Berlin