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Manfred Güllner: Der Mann der Meinung

Neben Oskar Lafontaine gibt es noch einen Mann, der die SPD so richtig in Rage bringt: Manfred Güllner, Chef des Meinungsforschungsinstituts Forsa. Er sagt den Sozialdemokraten Woche für Woche den Untergang voraus. Cicero hat ihn besucht.

Cicero September 2007

Von Christoph Seils

Über die Deutschen wissen Demoskopen fast alles. Sie wissen, wie sie leben und was sie fühlen. Sie können sagen, wie viele SPD-Wähler Volkswagen fahren, wie viele FDP-Anhänger die Einführung eines Mindestlohnes befürworten. Über die Frage, ob Demoskopen die öffentliche Meinung abbilden oder nur das, was sie dafür halten, darüber wird unter Wissenschaftlern kontrovers diskutiert. Aus den politischen Debatten allerdings sind ihre Erhebungen nicht mehr wegzudenken.

Einer, der dabei gerne den Eindruck erweckt, als wisse er immer noch ein bisschen mehr, ist Manfred Güllner, der Chef des Meinungsforschungsinstituts Forsa. Keiner befragt jedes Jahr mehr Menschen, keiner präsentiert in der Öffentlichkeit häufiger Umfragen und kein anderer Meinungsforscher traut sich, seine Zahlen zugespitzter zu interpretieren. „Meinungsforschung dient der Demokratie“, sagt der 65-Jährige selbstbewusst, dem „Dialog“ zwischen den Regierenden und ihren Bürgern. Und dazu zitiert er einen Satz, den ihm sein Freund, der ehemalige sozialdemokratische Bundeskanzler Gerhard Schröder vor ein paar Jahren gewidmet hat: „Der Güllner sagt mir heute, was die Menschen in sechs Wochen von uns denken.“ Das ist natürlich ein wenig übertrieben, aber für einen wie Manfred Güllner, der nicht nur Erfolg hat, sondern auch Kritiker, Neider und Feinde, ist eine solche Referenz unbezahlbar. Denn noch bevor seine Demoskopie der Demokratie dient, ist sie für Manfred Güllner ein Geschäft. Eines, das er in den vergangenen 23 Jahren wie keiner seiner Konkurrenten in Deutschland perfektioniert hat.

Das Herz der Güllner’schen Meinungsforschungsmaschine pocht in einem ehemaligen Kaufhaus in Berlin Mitte. Das Licht ist gedämpft, auf jedem Schreibtisch flimmert ein Schwarz-WeißBildschirm, dazu ist ständig lautes Gebrummel zu hören. Weinrote Sichtblenden sind der einzige Farbtupfer in dem riesigen Saal. 125 Interviewer sitzen hier und telefonieren, an jedem Werktag von 17 bis 21 Uhr. Was würden Sie wählen, wenn am Sonntag Bundestagswahl wäre, soll die Bundeswehr aus Afghanistan abziehen, wer wird Deutscher Fußballmeister? Fragen im 15-Sekundentakt.

1000 Deutsche befragt Forsa jeden Tag in seinen beiden Callcentern in Berlin und Dortmund, 5000 in der Woche. Hinzu kommen 20000 Haushalte, die Forsa mit einer sogenannten Set-Top-Box ausgestattet hat, sodass das Institut auch via Internet und Fernsehen deren Meinung einholen kann. Alle Befragten werden zufällig und repräsentativ ausgewählt. Zunächst allerdings kennt die Ergebnisse nur Manfred Güllner. Der sitzt drei Etagen höher, gewichtet die Rohdaten und macht daraus Prozente. Denn häufig sind die Antworten alles andere als eindeutig, vor allem auf die Sonntagsfrage.

Erklären kann Manfred Güllner nicht so recht, was er macht, wenn er seine Zahlen gewichtet, viel Intuition ist offenbar dabei und auch viel Erfahrung. Aber mit dem, was am Ende herauskommt, sorgt Manfred Güllner regelmäßig für Unruhe in den Parteien. Jeden Mittwoch verkündet Forsa im Auftrag des Magazins Stern und des Fernsehsenders RTL, was die Deutschen wählen würden. Die Umfrageergebnisse sind so etwas wie ein Seismograf der politischen Befindlichkeit, ein permanentes Plebiszit über die Regierung. Kritiker werfen Manfred Güllner vor, er mache mit seinen Zahlen Politik. Früher bezichtigte ihn die CDU, das Geschäft der SPD zu betreiben. Inzwischen klagt die SPD über Güllners schlechte Zahlen, von Stimmungsmache ist die Rede und sogar von Manipulation.

Manfred Güllner kennt alle Vorwürfe und versichert, „wir geben nur wieder, was die Leute uns sagen“, nur wollten das viele Politiker nicht hören. Und dann spricht er über Infas, das legendäre Institut für angewandte Sozialforschung. Und es wird deutlich, der Groll darüber, dass die Politik nicht hören will, was die Meinungsforscher ihnen über die Einstellungen der Wähler mitteilen. Diesen Groll hegt Manfred Güllner schon sein ganzes Demoskopenleben. Zumal es nicht irgendeine Partei ist, die da nicht hören will, sondern seine. Denn Manfred Güllner ist Sozialdemokrat aus Überzeugung, „niemals“ würde er aus der Partei austreten, der er sich 1964 als Student angeschlossen hat und für die er von 1969 bis 1978 im Rat der Stadt Köln saß.

Infas war die Antwort der SPD auf die enge Kooperation der CDU mit dem Institut für Demoskopie in Allensbach und die daraus resultierenden Wahlerfolge Konrad Adenauers. Mit finanzieller Unterstützung der SPD wurde das Infas Ende der fünfziger Jahre gegründet. Als der junge Soziologe Manfred Güllner 1970 in dessen Leitung eintritt, tobt bereits der Streit zwischen der SPD und seinen Meinungsforschern. Es geht um die Bewertung der sozialliberalen Koalition unter Willy Brandt und die Ausrichtung der Partei. Aber im Grunde geht es vor allem um den richtigen Standpunkt im innerparteilichen Richtungsstreit. Infas liefert nicht die Zahlen und vor allem nicht die Interpretationen, die die SPD-Granden erwarten. Die wollten immer nur „Verdrängungshilfen“, lästert Güllner. Doch Infas warnt stattdessen vor der Verunsicherung der Stammwähler in den großen Städten sowie vor deren Reformmüdigkeit. Die SPD lässt ihr eigenes Institut fallen, entzieht ihm Ende der siebziger Jahre alle Aufträge.

Als Manfred Güllner Infas 1978 verlässt und Leiter des Amtes für Statistik der Stadt Köln wird, eilt ihm bereits der Ruf eines begabten, aber eigenwilligen Querdenkers voraus. Und wie schon in der SPD macht Güllner auch in der Verwaltung die Erfahrung, dass nicht gefragt ist, was der Sozialforscher zum Beispiel über die mangelnde Akzeptanz von Großsiedlungen oder das geringe Interesse an öffentlich geförderten Kunstausstellungen erfragen könnte. „Die städtischen Beamten hatten ihre Ideologie und wollten ansonsten ihre Ruhe“, erinnert er sich.

Nach fünf Jahren hat Manfred Güllner genug, er schmeißt die Brocken hin und gründet 1984 sein eigenes Meinungsforschungsinstitut. Von der SPD, davon ist der Sozialdemokrat Güllner überzeugt, wird er „wegen deren notorischer Neigung, vor der Wirklichkeit die Augen zu verschließen“, keine Aufträge bekommen. Und er behält weitgehend recht, nur zwei Mal in mehr als zwei Jahrzehnten erhält der Sozialdemokrat Güllner zwei kleinere Aufträge aus der SPD-Zentrale.

Der Forsa-Chef misstraut dem SPD-Apparat und der SPD-Apparat misstraut Forsa. Aber vermutlich trägt genau die­se Erfahrung dazu bei, dass Manfred Güllner und Gerhard Schröder schnell Freunde werden. Schließlich war Schröder schon früh davon überzeugt, dass er nicht mit der SPD, sondern nur gegen sie Kanzler werden kann. Da es bei Schröder gelegentlich recht populistisch zugeht, kann er Güllners Zahlen gut gebrauchen. Und als es der sozialdemokratische Außenseiter 1998 endlich geschafft hat, geht Güllner anders als im Willy-Brandt-Haus im Kanzleramt ein und aus. Auf die Forsa-Zahlen hört Schröder mehr als auf seine Genossen. Von ihnen lässt er sich unter anderem zu jenen Reformen antreiben, die viele Sozialdemokraten bis heute ablehnen.

Güllner gefällt sich in der Rolle des Hofdemoskopen, aber sein Institut arbeitet 1998 längst erfolgreich für viele Kommunen, für staatliche Institutionen und Zeitungsverlage, die den Reiz eigener Umfragen entdeckt haben. Zudem macht er klassische Marktforschung. Vor allem aber hat sein Erfolg einen Namen: RTL. Seinen Aufstieg zum führenden deutschen Meinungsforscher verdankt Manfred Güllner der Zusammenarbeit mit dem ebenfalls 1984 gegründeten Kölner Privatsender. Für RTL wickelt Forsa die gesamte Programmforschung ab. Endlich gibt es jemanden, der wissen will, was die Menschen sehen wollen, der nicht auf Inhalten oder Ideologien beharrt, sondern auf die Quote setzt. Und so fragt Forsa die Fernsehzuschauer fortan, ob ihnen der Anzug des Nachrichtensprechers gefällt, was sie von einem Wetterbericht erwarten und warum sie bei der Vorabendserie vorzeitig abgeschaltet haben.

Die Medienforschung bildet das ökonomische Fundament, das Forsa unabhängig macht gegenüber Auftraggebern aus der Politik. Die Meinungsforschung hingegen ist nur ein Randgeschäft, das zwar Schlagzeilen bringt und Forsa in der Öffentlichkeit bekannt macht, aber sie beschert dem Institut nur maximal 20 Prozent des Umsatzes von circa neun Millionen Euro im Jahr. Allerdings ist Meinungsforschung Manfred Güllners Leidenschaft. Nichts, so scheint es, macht ihm mehr Spaß, als die Stimmungswechsel im Lande zu verfolgen und zu kommentieren. Im August zum Beispiel hat er genau beobachtet, wie die Menschen auf die steigenden Milchpreise und die Immobilienkrise in den USA reagierten. „Zack“, sagt Güllner und fährt mit der flachen Hand durch die Luft, „schon gehen die Zahlen für die CDU runter“, die Wähler seien verunsichert.

Forsa ist schneller als alle anderen Meinungsforschungsinstitute, die in der Regel nur einmal im Monat fragen. Stimmungsumschwünge schlagen sich in den tagtäglich erhobenen Zahlen früher nieder, doch der Vorteil von Forsa ist auch dessen Nachteil. Denn nicht immer lässt sich einfach unterscheiden, was sind lediglich mehr oder weniger heftige Pendelschläge auf aktuelle politische Ereignisse und wo deuten sich grundlegende Umschwünge in den Einstellungen an.

Güllner weiß dies und deshalb betont er, wie wichtig es sei, den Zahlen nicht hörig zu sein, sondern „angemessen“ mit ihnen umzugehen. Nur von der viel diskutierten Macht der Demoskopen, die mit ihren Zahlen Stimmung machen, politische Karrieren zerstören und Wahlen entscheiden, will er nichts wissen. Diese Macht gebe es nicht, betont er. Durch nichts sei empirisch belegt, dass die Veröffentlichung von Umfragen den Ausgang von Wahlen beeinflusse. Aber gibt es nicht die Theorie vom Band-Waggon-Effekt, nach der sich unentschiedene Wähler dem voraussichtlichen Sieger anschlössen, oder die These vom Mitleidsbonus? „Alles Quatsch“, sagt er, „die Effekte heben sich gegenseitig auf.“

Natürlich bleiben Zweifel, ist es also möglich, dass Forsa die SPD doch zu niedrig bewertet? „Vielleicht haben auch die anderen Unrecht“, antwortet Güllner, seine Zahlen seien nach bestem Wissen und Gewissen erstellt, versichert er, auch die statistischen Abweichungen verschweige er nicht. Am Ende bleiben Umfragen Umfragen, seien sie noch so repräsentativ. „Wir können immer nur versuchen, uns der Realität möglichst genau anzunähern“, auch das weiß Güllner.

Alle vier Jahre kommt die Wahrheit allerdings auf den Tisch, dann sind nicht Stimmungen gefragt, sondern werden Kreuze gezählt. Und so sind denn auch die Bundestagswahlen jedes Mal so eine Art Leistungsschau der Demoskopie. 2002 hat Forsa das Ergebnis der Bundestagswahl und den Sieg von Gerhard Schröder genauer vorausgesagt als alle Konkurrenten. Drei Jahre später hingegen lag Güllner genauso wie die Konkurrenz mächtig daneben. Die CDU hatte Forsa 2005 sechs bis acht Prozent zu stark eingeschätzt und deshalb einen Sieg des bürgerlichen Lagers vorausgesagt. Es kam bekanntermaßen anders.

Güllner spricht von einem „handwerklichen Fehler“ und von „menschlichem Versagen“. Die Vorbehalte der Unionswähler gegenüber Angela Merkel seien in den Daten klar erkennbar gewesen, doch er habe seiner These geglaubt und die lautete, die CDU-Anhänger würden trotz der schwachen Kanzlerkandidatin Union wählen. Stattdessen seien viele zur FDP gewechselt oder zu Hause geblieben. Wie gut für Manfred Güllner, dass er sich nicht beim Abschneiden der SPD geirrt hat. Der Vorwurf, er habe seinem Freund Schröder noch einmal den Weg ins Kanzleramt ebnen wollen, wäre massiv gewesen, und wie beruhigend für die Demokratie, dass Demoskopen doch nicht alles vorhersagen können.

© Christoph Seils, Berlin