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Kampf gegen die Krise: Die letzte Chance

In der Prignitz herrscht seit Jahren die große Depression. Jetzt hofft die Stadt Wittenberge auf die Millionen aus dem Konjunkturpaket der Bundesregierung.

Die Zeit, 19. Februar 2009

Das Industriegebiet Wittenberge Süd ist eine beleuchtete Wiese. An der Landspitze, die von zwei Elbarmen umschlossen wird, steht zwar eine kleine Biodieselraffinerie, und am anderen Ende des Geländes werden Spezialfette für die Lebensmittelindustrie herstellt. Aber dazwischen gibt es 18 Hektar voll erschlossenes Nichts. Dort, wo bis 1990 volkseigene Zellwolle produziert wurde, wächst das Gras mittlerweile kniehoch.

Das soll sich jetzt ändern, dem Konjunkturpaket der Bundesregierung sei Dank.

Sofort kam Wittenberges parteilosem Bürgermeister Oliver Hermann Anfang des Jahres der Gedanke, »hier liegt für uns eine echte Chance«. Inzwischen steht fest, 4,3 Millionen Euro bekommt die brandenburgische Kleinstadt demnächst für den Bau eines neuen Hafens überwiesen. Dabei hatte in der Landeshauptstadt Potsdam bislang niemand einen neuen Logistikstandort in der strukturschwachen Prignitz auf dem Plan.

Durch die Krise haben sich die Prioritäten verändert. Das Geld muss schnell raus, am besten noch in diesem Jahr, und plötzlich ist Wittenberge ganz vorn mit dabei.

Es hat etwas gedauert, bis in Brandenburg die Millionen verteilt waren. Denn natürlich folgte dem unerwarteten Geldsegen ein erbitterter Streit in der Landesregierung. Die kleine CDU befürchtete, die SPD könne damit vor allem Prestigeprojekte fördern wollen, die dem größeren Koalitionspartner im Landtagswahlkampf nutzen. Die Kommunen forderten die ganzen 457 Millionen Euro für sich. Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD) hingegen wollte Schwerpunkte setzen. Jetzt wird geteilt. 241 Millionen Euro bekommen die Kreise, Städte und Gemeinden für die Sanierung von Schulen und Kindergärten sowie für kommunale Investitionen. Mit 70 Millionen Euro unterstützt das Land seine Hochschulen. Die restlichen 146 Millionen Euro fließen in ausgewählte Infrastrukturprojekte.

Wittenberge kommt dabei zugute, dass im Industriegebiet Süd schon manche hochtrabende Pläne und viele Versprechen gescheitert sind. Ein gigantischer Holzpark sollte hier einst entstehen und auch eine große Zellstofffabrik. Deshalb gibt es für den Hafen einen gültigen Bebauungsplan. Ohne die Wirtschaftskrise wäre von diesen Ideen vermutlich nie wieder die Rede gewesen. Nun aber haben sie einen ganz praktischen Vorzug: Es kann sofort losgehen, jedenfalls fast sofort. Bis Mai dauert die konkrete Planung, dann wird ausgeschrieben. Voraussichtlich von August oder September an können Gleise verlegt und Pfosten in den Fluss gerammt werden. Von »purem Zeitgewinn« spricht der Geschäftsführer der Hafenentwicklungsgesellschaft, Eckhardt Stübner.

Hafen ist allerdings ein großes Wort für zwei Anleger, die den maroden Stadthafen ersetzen sollen. Zunächst werden vor allem Baustoffe und Biodiesel verschifft. Einmal in der Woche soll dazu ein Schiff aus Hamburg Container bringen, die auf die Schiene umgeladen werden.

Die Zeiten haben sich geändert. Vor zehn Jahren hätte man in Wittenberge wohl geklotzt, für 30 oder 40 Millionen Euro eine komplett neue Kaianlage errichtet und dann gehofft. Inzwischen ist die Stadt bescheidener. Von einer »Keimzelle« spricht Hafenentwickler Stübner. Sie soll einmal den Güterengpass Hamburg entlasten, wenn in ein paar Jahren die neue Autobahn A14 von Magdeburg nach Schwerin an der Stadt vorbeiführt und hier nicht nur die Elbe, sondern auch die ICE-Trasse kreuzt. Einen »Impuls« will Bürgermeister Hermann setzen, nicht nur ökonomisch, sondern »auch psychologisch«.

Neue Hoffnung wird in Wittenberge dringend gebraucht, denn seit zwanzig Jahren steht die Stadt als Synonym für den Niedergang im Osten. Drei große Industriebetriebe mussten dort nach der Wende schließen, die Abwanderung ist dramatisch. Die Zahl der Einwohner sank seit 1990 von 30000 auf 20000. Die Arbeitslosenquote der Region beträgt 17,3 Prozent.

Der Aderlass ist nicht zu übersehen, überall in der Stadt stehen abrissreife Häuser und Industrieruinen, liegen Flächen brach. Und überall fehlt Geld. Das Elbufer am Rande der Altstadt soll für den Tourismus hergerichtet, ein alter Schienenstrang in einen Grünstreifen verwandelt werden. Auch die etwa 600000 Euro, die Wittenberge zusätzlich an direkten Zuweisungen aus dem Konjunkturpaket erwarten kann, sind da nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Bürgermeister Hermann zählt weitere Sanierungsfälle auf. Die Grundschule IV muss dringend renoviert werden, eine Sporthalle und auch ein Stadion sind baufällig. Profitieren wird von dem Konjunkturprogramm wohl die Kindertagesstätte Haus der kleinen Strolche. »Pure DDR« sei der zweistöckige Plattenbau, sagt Hermann, und energietechnisch »eine Katastrophe«.

Doch mit dem Geldausgeben klappt es nicht von heute auf morgen. Die Konjunktur und die örtliche Wirtschaft profitieren frühestens im Herbst. »Schneller geht es nicht«, sagt Oliver Hermann, nicht in Wittenberge und auch nicht anderswo.