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Wer folgt den grünen Gründern?

An der Spitze der Grünen beginnt der Generationenwechsel, doch die beiden größten politischen Talente der Partei sitzen in der Karriere-Falle.

Cicero September 2008

Von Christoph Seils

Vor ein paar Wochen hat Boris Palmer die bislang „schwierigste Entscheidung“ seines bisherigen Politikerlebens getroffen. Der grüne Oberbürgermeister von Tübingen setzte durch, dass sich die Stadtwerke mit einem Anteil von 0,4 Prozent am Bau eines Kohlekraftwerkes im schleswig-holsteinischen Brunsbüttel beteiligen. Die grüne Basis ist empört, der eigene Kreisverband ist gespalten. Und so könnte diese Mini-Beteiligung die politische Karriere Boris Palmers maximal beschädigen.

Bislang galt der 36-Jährige als eines der größten Talente der Grünen. Er wurde bereits als „neuer Joschka“ gefeiert. Doch nun hat sich die eigene Partei nach den sieben rot-grünen Jahren wieder auf einen radikaleren politischen Kurs begeben. Die Grünen verteidigen nicht nur den Atomausstieg, sondern kämpfen zugleich gegen neue Kohlekraftwerke, weil diese viel klimaschädliches Kohlendioxid in die Luft blasen. Das Verständnis für die Zwänge der Realpolitik ist geringer geworden. Vergeblich verweist der grüne Oberbürgermeister darauf, dass so die Unabhängigkeit der Stadtwerke, die ansonsten ökologisch vorbildlich wirtschaften, gegenüber den Energiekonzernen gestärkt würde. Zudem könne Deutschland „angesichts der falschen politischen Rahmenbedingungen“ nicht gleichzeitig aus Kohle und Atom aussteigen. Plötzlich steckt Boris Palmer in der Fundi-Falle.

Dabei beginnt in Berlin gerade der grüne Generationenwechsel. Zwar wird die Öko-Partei mit Renate Künast und Jürgen Trittin noch einmal zwei alte Kämpen zu ihren Spitzenkandidaten für die Bundestagswahl 2009 küren. Doch dies wird der letzte große Auftritt der beiden ehemaligen grünen Minister sein. Der Parteivorsitzende Reinhard Bütikofer hingegen hat seinen Rückzug bereits angekündigt. Er macht in dem komplizierten Machtgefüge an der Parteispitze zumindest einen Platz für den Nachwuchs frei. Natürlich ist der männliche Parteivorsitz neben Claudia Roth und hinter dem Kandidatenduo Künast und Trittin zunächst nur ein Posten in der zweiten Reihe. Aber er könnte sich schon bald als ideales Karrieresprungbrett entpuppen, denn nach 2009 wird die grüne Gründergeneration ganz abtreten.

Der Generationenwechsel beginnt allerdings nicht nur für Palmer zum falschen Zeitpunkt, sondern auch für Tarek Al-Wazir: Der 37-jährige Hesse gilt als zweite große grüne Nachwuchshoffnung. Er ist ein kühler Stratege und begnadeter Redner. Doch wie Palmer steckt auch Al-Wazir in der Falle, in der Realo-Falle.

Die Grünen wollen in Hessen an die Macht, aber Tarek Al-Wazir kann politisch nicht agieren, obwohl das Land seit einem halben Jahr ohne ordentliche Regierung ist. Der Weg zu Schwarz-Grün ist verbaut, weil es CDU-Ministerpräsident Roland Koch versäumt hat, frühzeitig Brücken zu bauen. Auf dem Weg zu Rot-Rot-Grün sind die Grünen hingegen dem Dilettantismus der Sozialdemokratin Andrea Ypsilanti ausgeliefert. Tarek Al-Wazir muss also zusehen, wie sein politisches Schicksal in den Händen anderer liegt. Und wenn es dabei ganz schlecht läuft, wird er nicht Minister, sondern bei vorgezogenen Neuwahlen für die strategische Stümperei anderer mitgeprügelt.

Mit Boris Palmer und Tarek Al-Wazir stecken die beiden größten politischen Talente der Grünen in der Karriere-Falle. Keiner von beiden kann es sich derzeit leisten, seinen bundespolitischen Ambitionen zu folgen. Palmer muss erst als Oberbürgermeister von Tübingen in die grüne Erfolgsspur zurückkehren, Al-Wazir muss warten, bis sich die hessische Blockade auflöst. Und so machen auf dem Parteitag im November zwei andere Grüne das Rennen um den männlichen Vorsitz unter sich aus, die eigentlich nur zweite Wahl sind: der Europaabgeordnete Cem Özdemir und der Vorsitzende der Berliner Abgeordnetenhausfraktion Volker Ratzmann

© Christoph Seils, Berlin