Achtung, öffnet in einem neuen Fenster. Drucken

In den Wind gesprochen

Er saß für die SPD in der Volkskammer, er sah die Politik als seinen Beruf, er scheiterte - der Zorn ist Frank Bogisch geblieben.

Berliner Zeitung, 17. März 2000

Von Christoph Seils

HALLE, im März. Frank Bogisch redet in den Wind. Er doziert: Der Harz ist die höchste Erhebung zwischen dem Nordatlantik und dem Ural, die Winde kommen berechenbar aus Südwest und Nordwest, Flauten gibt es selten. Bogisch steht auf einem Acker im Mansfelder Land, streckt seine Hände aus und zieht Linien in die Luft. Hoch über seinem Kopf dreht sich ein Windrad, ein Surren überdeckt die Rede Bogischs.

Er ist jetzt 43 und er ist weit weg von Berlin. Fast zehn Jahre sind vergangen, seit er Reinhard Höppner gesagt hat, dem Einigungsvertrag könne man nicht zustimmen. Damals hat Höppner ihm mit Parteiausschluss gedroht; damals, als Bogisch für die SPD in der ersten frei gewählten Volkskammer saß. Heute ist Frank Bogisch Geschäftsführer der Energietechnik GmbH Mansfelder Land. Ein Windunternehmer. Und Höppner ist der Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt.

Bogisch und Höppner werden sich nicht treffen im Reichstag, wenn an diesem Freitag in Berlin einem vergangenen Parlament gedacht wird: der Volkskammer. Bogisch bleibt zu Hause. Er will nicht hören, wie Bundestagspräsident Wolfgang Thierse und die damalige Volkskammerpräsidentin Sabine Bergmann-Pohl die "Revolution an der Wahlurne" würdigen. Er will sich auch nicht darüber ärgern, dass noch einmal Helmut Kohl, der Kanzler der Einheit, im Mittelpunkt steht, weil

dieser erstmals seit langem wieder an einer Bundestagssitzung teilnehmen wird. "Ich habe Wichtigeres zu tun", sagt Bogisch. Er meint sein Unternehmen. Dann sagt er, dass er immer noch Mitglied der SPD ist. Und natürlich gibt es für ihn Wichtigeres, als über Windkraft zu reden. "Was soll so ein Festakt im Reichstag bringen", fragt Bogisch.

Für ihn ist es eine rhetorische Frage. Er will nicht feiern, er möchte über verpasste Chancen reden. Sein Urteil über die sieben Monate Demokratie im Staat DDR ist bitter: "Mich beschleicht das Gefühl, dass einige wenige die DDR nicht zu ihrem Schaden an die Bundesrepublik verkauft haben." Er macht sich keine Freunde.

Bogisch ist einer der Männer, die am 7. Oktober 1989 die SDP gründeten, die sozialdemokratische Partei in der DDR. In Schwante war er unter all den Pfarrern und Kirchenmitarbeitern der einzige Neu-Politiker, der ein Ingenieur-Studium absolviert hatte; also war er bald zuständig für Wirtschaft und Umwelt. In der Volkskammer wurde er nicht nur stellvertretender Fraktionsvorsitzender seiner Partei, sondern auch deren wirtschaftspolitischer Sprecher.

Frank Bogisch prophezeiten damals viele eine steile politische Karriere. Er war jung und belastbar, hatte politisches Gespür und er wollte ja auch Karriere machen. Schnell knüpfte Bogisch Kontakte in die Bundesrepublik, plante mit westdeutschen Parteifreunden Wirtschaftskonzepte und umweltpolitische Kooperationen. Er diskutierte über die Vor- und Nachteile einer schnellen Währungsunion und schmiedete Pläne, wie man den DDR-Bürgern Anteilsscheine am Volksvermögen übertragen könne.

Die Währungsunion kam schnell, Anteilsscheine wurden nie verteilt. Bogischs Pläne gingen nicht auf. Heute hat er eine einfache Erklärung dafür. "Wir hatten ja keine Ahnung, dass die DDR-Bürger in sieben Monaten systematisch entmündigt und enteignet werden", sagt Bogisch. "Es war mehr drin", davon ist er überzeugt, "die wichtigen politischen Akteure wären in der Lage gewesen, ostdeutsche Essentials zu formulieren." Aber gehörte er nicht damals dazu, zu den Akteuren?

Bogisch spricht von westdeutschen Beratern der ostdeutschen Sozialdemokraten. Die hätten schnell das Sagen gehabt. "Es war schwer, kritische Akzente zu setzen", sagt Bogisch.

Die Zeit ist vergangen, und er versucht sie noch einmal zurückzuholen: Beim Prinzip "Rückgabe statt Entschädigung" hätten die Volkskammerabgeordneten standhaft bleiben müssen, die Aufteilung des ostdeutschen Energiemarktes unter drei westdeutschen Stromkonzernen hätte abgewendet werden können. Bogisch ist damals nicht aus der Politik ausgestiegen. Heute pflegt er seinen Zorn und Rückblicke, die eindeutig ausfallen. Und doch hat er fast ein ganzes Jahrzehnt um eine Karriere in der großen Politik gekämpft. Nach der Zeit in der Volkskammer. Zweimal hat er im Mansfelder Land vergeblich für den Bundestag kandidiert. Er hat sich für die Zusammenarbeit mit der PDS eingesetzt, im Mansfelder Forum linke Sozialdemokraten organisiert. Er hat Konzepte geschrieben, eine Strukturreform entworfen, seine ostdeutschen Parteifreunde hat er immer wieder aufgefordert sich gegen die westdeutsche Übermacht "lauter und präziser" einzumischen.

Seine Papiere landeten in der Ablage, als SPD-Kreisvorsitzender ist er abgetreten, als Landesvorstandsmitglied in Sachsen-Anhalt wurde er abgewählt. "Ich bin abgestürzt", sagt Bogisch. Er meint es nicht persönlich. Schuldige aber hat er ausgemacht: die "neue kirchenlastige Seilschaft" in der ostdeutschen SPD. Er glaubt das wirklich. Sind nur die Angepassten etwas geworden, diejenigen unter den DDR-Wendepolitikern, die sich schnell genug dem westdeutschen

Politikbetrieb anpassten? Ist es das, was Bogisch meint? Oder spricht aus ihm verletzte Eitelkeit, tiefe Enttäuschung darüber, dass andere ostdeutsche Politiker Karriere gemacht haben und er nicht? Wenige der 400 Volkskammerabgeordneten sind in der Bundespolitik aktiv geblieben. Wolfgang Thierse, Gregor Gysi und Rainer Eppelmann zählen zu den bekanntesten. Andere wie Höppner haben in der ostdeutschen Landespolitik Karriere gemacht. Viele aber sind nicht mal eine Fußnote im deutsch-deutschen Geschichtsbuch.

Vermutlich ist Bogisch auch an sich selbst gescheitert. Menschen wie er geraten wohl nur in revolutionären Umbrüchen in die Politik. Er ist nicht einzubinden in Institutionen und parteipolitische Disziplin. Mehrheiten zu organisieren, Menschen zu überzeugen, für seine Ideen zu gewinnen, waren seine Stärken nie. Er liebt die Polemik.

Kein Wunder also, dass er sagt, die SPD im Osten erwecke den Anschein von "Kleinbürgerlichkeit", habe "kein intellektuelles Niveau und keine Visionen". Niemand da, mit dem er nächtelang über Kautsky oder Habermas, über die Dialektik von Reform und Revolution, über einen Weg von Schwante zum "ökologischen Sozialismus" philosophieren könnte.

Und doch kommt Frank Bogisch nicht von seiner Partei los. Selbstverständlich hat er noch kürzlich in Halle den Wahlkampf der sozialdemokratischen Kandidatin für das Oberbürgermeisteramt unterstützt. Und nach dem Sieg Ingrid Häußlers, nach der gewonnenen Wahl, da feiert er gerne mit. Im teuren dunklen Anzug sitzt er mit den Genossen in einem Keller-Lokal in Halle, trinkt Rotwein, und testet noch einmal seinen innerparteilichen Marktwert. Und natürlich wartet er darauf, dass Reinhard Höppner ihn an diesem Abend in Halle begrüßt.

Er will hofiert und bewundert werden. Als einer derjenigen, die früh den Mut hatten, sich in der DDR zur SDP zu bekennen. Zu einem Zeitpunkt als es noch gefährlich war und auch im Stasi-Gefängnis hätte enden können. Früher als fast alle anderen ostdeutschen Sozialdemokraten, von denen er manche schlicht feige nennt. In der Kneipe in Halle begrüßt ihn eine junge Parteifreundin spöttisch als "linken Jungunternehmer". Er selbst sagt, dass er jeden zweiten Abend aus der Partei aus und morgens wieder eintrete. Er fühlt sich der Idee verbunden. Aber er weiß, dass er nur noch wenige Vertraute unter den Sozialdemokraten hat.

Zehn Jahre nach den Volkskammerwahlen hat Frank Bogisch sich entschlossen: "Ich habe es aufgegeben, aus der Politik meinen Beruf zu machen." Dann redet er wieder über seine Firma und den Wind. Der weht auch in Polen und Brasilien. Dahin will Bogisch nun seine Windräder exportieren. Er hat neue Energien gefunden.

© Christoph Seils, Berlin