Achtung, öffnet in einem neuen Fenster. Drucken

Duo am Abgrund

Bayerns Ministerpräsident Beckstein und CSU-Chef Huber kämpfen gegen das Unsagbare: den Verlust der absoluten Mehrheit am Sonntag. Und um ihr politisches Überleben. Ein Doppelporträt

ZEIT ONLINE, 13. September 2008

Von Christoph Seils

Das frisch gezapfte Weißbier, das so einladend neben dem Redner steht, bleibt an diesem Abend unangetastet. Günther Beckstein trinkt Wasser. Es mag an dem kalten Wind liegen, der über den Martin-Luther-Platz in Ansbach weht, aber womöglich auch an den Schlagzeilen, die der bayerische Ministerpräsident zuletzt gemacht hat. Tage lang diskutieren die Menschen im Land über einen misslungenen Scherz des Wahlkämpfers Beckstein. In einem Bierzelt hatte er verkündet, gestandene Bayern könnten auch mit zwei Maß Bier noch Auto fahren. Für den CSU-Regenten und früheren Innenminister ein peinlicher Ausrutscher. Denn plötzlich hatte er eine bierernste Debatte über bayerische Lebensart, Promillegrenzen und Gesundheitsschutz am Hals.

Die Diskussion kam zur Unzeit. Denn am kommenden Sonntag wird im Freistaat ein neuer Landtag gewählt, aber so richtig kommt die CSU nicht auf Touren. In Umfragen ist die bayerische Staatspartei, die das Land seit fünf Jahrzehnten ununterbrochen regiert, unter die heilige 50-Prozent-Marke gerutscht. Das christsoziale Führungsduo aus Beckstein und Parteichef Erwin Huber, das vor einem Jahr nach monatelangen innerparteilichen Querelen Edmund Stoiber abgelöst hat, steht mit dem Rücken zur Wand. Die Partei ist nervös.

Natürlich verbreitet Beckstein auch in Ansbach Zuversicht, was soll er auch anderes tun. Er spricht von der „exzellenten Stimmung“ und dem „außerordentlich guten Lauf“ seiner Partei, er lobt Bayern als „Marktführer in Sachen Innere Sicherheit“ und stellt den Wählern „Vollbeschäftigung“ in Aussicht.

Aber so richtig will der Funke nicht überspringen. Nur etwa 400 Zuhörer verlieren sich auf dem langgezogenen Platz zwischen zwei Kirchen. Die Stimmung ist eher kühl, was nicht nur am Wetter liegt. An der Basis teilen längst nicht alle den von der Wahlkampfleitung verordneten Optimismus. „Es wird spannend“, prophezeit der Landtagsabgeordnete Klaus Dieter Breitschwert. „Die Wahl ist längst noch nicht entschieden“, schwant auch dem ehemaligen bayerischen Justizminister Manfred Weiß. „Die Zeit ist nicht einfacher geworden“, klagt Lokalmatador Ernst Schuster. Töne sind dies, die in der CSU lange nicht zu hören waren.

Beckstein kämpft, er trägt eine Trachtenjacke. Allein das signalisiert, die Lage ist ernst. Denn bisher kannten seine Wähler den Franken Beckstein nur in feinen Zwirn, nun schlüpft er regelmäßig in den urbayerischen Loden. Schließlich bemüht sich die CSU auch in diesem Wahlkampf einmal mehr um die Symbiose mit dem Bayerntum.

Beckstein müht sich, nur: Ein begnadeter Redner ist er nicht. Eher geschäftsmäßig referiert er die Erfolge der Staatsregierung, und wenn er etwa die Linke oder zumindest Teile der Partei als „kommunistisches Pack“ beschimpft oder vor der „marktradikalen“ FDP warnt, dann verschluckt er die Pointen gerne.

Die christsozialen Strategen kennen das Problem. Ihr Ministerpräsident ist anders als sein Vorgänger kein Mann, der auf großen Bühnen Stimmung machen kann, keiner, der seine Zuhörer mitreißt. „Beckstein ist im persönlichen Gespräch absolut überzeugend“, sagt einer seiner Wahlkampfhelfer, Stoiber hingegen „war im Bierzelt unschlagbar“.

Beckstein weiß dies auch, und deshalb nimmt er sich nach seiner Rede in Ansbach viel Zeit für persönliche Gespräche. Er redet mit dem Bäckermeister, lässt sich mit Familien fotografieren. Obwohl die Finger längst klamm sind und der Namenszug kaum noch zu lesen ist, schreibt er unentwegt Autogramme. Aber reicht das, um die Trendwende noch zu schaffen?

Zumindest im innerparteilichen Ranking lohnt der Einsatz. Im Vergleich zum Parteivorsitzenden Huber, der gleichzeitig bayerischer Finanzminister ist, schneidet Beckstein in allen Umfragen besser ab. Das könnte für seine weitere Karriere noch wichtig werden. Denn nach der Wahl werden in der CSU Köpfe rollen, so heißt es auf den Fluren der Parteizentrale, zumindest dann, wenn die 50-Prozent-Marke verfehlt wird.

Dass die Balken am Wahlabend nach unten gehen, damit rechnen alle in der CSU, schließlich hatte Edmund Stoiber vor fünf Jahren mit 60,7 Prozent ein Rekordergebnis erzielt. Doch die Ausgangsbedingungen sind heute völlig anders. Vor fünf Jahren regierten in Berlin Schröder und Fischer. Da konnte die CSU hemmungslos gegen das rot-grüne Chaos polemisieren. Jetzt sitzen die Parteifreunde in Berlin mit am Kabinettstisch.

Die Ziele sind bescheidener geworden, aber trotzdem gibt es eine Schmerzgrenze. „Die 50 ist ein absolutes Muss“, heißt es in der Partei, daraus leite die CSU schließlich „ihr Selbstverständnis“ und „ihre bundespolitische Sonderrolle“ ab.

Huber und Beckstein geben sich nach außen unzertrennlich. Dem Duo haftet immer noch das Putschistenimage an, und je schlechter die Umfragewerte werden, desto mehr macht ihnen der Vergleich mit ihrem gemeinsamen Vorgänger zu schaffen. Durch nichts wollen sie sich deshalb, zumindest nach außen, auseinander bringen lassen. Im Wahlkampffinale treten der 64jährige Beckstein und der zwei Jahre jüngere Huber bei fünf Abschlusskundgebungen gemeinsam auf. Fast klammern sie sich aneinander.

Dabei haben sich die politischen Lager der beiden Matadore längst gegeneinander in Stellung gebracht. Schon bevor das Wahlergebnis feststeht, sind beiden Seiten darum bemüht, die Schuld auf den jeweils anderen abzuwälzen. Becksteins Leute sticheln gegen Hubers zeitweiligen Versuch, den Wahlkampf zu einem „Kreuzzug gegen die Linke“ zu stilisieren. Im Lager des Parteichefs hingegen verweist man darauf, dass im Wahlkampf der Ministerpräsident im Vordergrund gestanden habe. Die viel beschworene christsoziale Geschlossenheit zeigt längst deutliche Risse.

Erwin Huber ist der Schwächere des Duos. Das Volk mag ihn nicht besonders, auch in der Partei ist er umstritten. Er gilt als einflussreicher Strippenzieher, nicht als populärer Macher. Er wird wohl als Erster seinen Hut nehmen müssen, wenn die Wahl zu einem Desaster für die CSU wird. Bundesverbraucherminister Horst Seehofer, der bei der Wahl zum Vorsitzenden im vergangenen Jahr den Kürzeren gezogen hatte, macht sich als möglicher Nachfolger schon bereit.

Huber will von solchen Spekulationen natürlich nichts wissen. Er beschwört die Gemeinsamkeit der gesamten CSU-Führung. Noch gilt es, die Anhänger zu mobilisieren. Weil viele Wähler unentschieden sind, sich immer später entscheiden, will die Partei im Wahlkampfendspurt noch einmal alle Ressourcen mobilisieren, in den letzten 48 Stunden möglichst viele Wähler persönlich ansprechen. Das System CSU stemmt sich gegen den drohenden Absturz.

Auch Erwin Huber stemmt sich dagegen, er reist ruhelos mit seinem Wahlkampfbus durch Bayern. Er redet, macht Stimmung, richtet die Basis auf. Und er verteilt als Finanzminister schnell noch Wahlgeschenke. So versucht er noch einmal jenes System zu bedienen, das die CSU solange an der Macht hielt: die bayerische Spezelwirtschaft.

Zum Beispiel im Landkreis Garmisch-Partenkirchen. Einen halben Tag besucht Huber kommunale Einrichtungen und örtliche Unternehmer. Am Ende hat der Finanzminister einen zweistelligen Millionenbetrag verteilt. Dem Klinikum verspricht er Zuschüsse für die Sanierung des Bettenhauses, ein paar örtlichen Investoren signalisiert er Wohlwollen bei einem Grundstücksgeschäft mit dem Land, dem örtlichen Skiclub versichert er jedwede finanzielle Unterstützung bei der Ausrichtung der Weltmeisterschaft 2011.

Huber weiß, was von ihm erwartet wird. Er scherzt und plaudert viel. Er lobt seine Gastgeber genauso gerne wie sich selbst. Beim lokalen Besuch des Klinikums etwa wendet er sich mit den Worten „wir sind beide Wohltäter der Menschheit“ an die Ärzte. In der Mittenwalder Geigenbauschule sagt er, nachdem er einen größeren Millionenbetrag für einen Neubau versprochen hat: „Wir danken dem unbekannten Steuerzahler und der Mildtätigkeit des Finanzministers“.

Huber versteht es, das Machtsystem der Partei zu schmieren, er genießt es sichtlich. Manchmal lässt er die örtlichen Honoratioren einen Augenblick zappeln, bevor er die Schatulle öffnet. Als der Bürgermeister von Mittenwald sich bei der Begrüßung des hohen Gastes „schon im Voraus“ für den Geldsegen bedankt, da blickt Huber schelmisch auf und wendet mit gespielter Ernsthaftigkeit ein: „Ich hab doch noch gar nichts gesagt“.

Vielleicht hat er ja ab Sonntag auch nicht mehr viel zu sagen.

© Christoph Seils, Berlin