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Der heimliche Vorsitzende

Jürgen Trittin ist der neue starke Mann der Grünen. Doch er traut sich noch nicht, seine Partei tatsächlich zu führen. Das unterscheidet ihn von seinem Vorgänger.

Cicero, November 2008

Von Christoph Seils

Es ist noch nicht lange her, da galt Jürgen Trittin als politisches Auslaufmodell. Der ehemalige Umweltmister stand als Symbol für das abgewählte rot-grüne Projekt. Die meisten Wähler nannten seinen Namen vor allem im Zusammenhang mit Dosenpfand, steigenden Benzinpreisen und der Elektro-schrottverordnung. Einer bürgerlichen grünen Zukunft stand der Parteilinke im Wege. Viele Parteifreunde hätten ihn deshalb nach der verlorenen Wahl vor drei Jahren gerne zusammen mit Joschka Fischer aufs Altenteil verabschiedet. Als er trotzdem Fraktionsvorsitzender werden wollte, ließen sie ihn durchfallen.

Doch Jürgen Trittin ist wieder da. Im November wird ihn ein Parteitag zusammen mit Renate Künast zum Spitzenkandidaten für die Wahl 2009 küren. Der 54-Jährige hat abgewartet, zugeschaut, wie sich die innerparteilichen Konkurrenten ins politische Abseits manövrieren. Gleichzeitig erscheint seine Umweltpolitik in einem anderen Licht, seit die Sorge des Landes dem Klimawandel gilt. Die SPD verteidigt den Atomausstieg, den sie nicht wollte; die CDU lobt die alternativen Energien, die sie einst bekämpft hat. Selbst Guido Westerwelle von der FDP muss anerkennen, dass die Umweltindustrie zu einem wichtigen Wirtschaftszweig geworden ist.

Seine Gegner haben Jürgen Trittin unterschätzt. Er ist zwar bislang nur Fraktionsvize, aber einflussreicher denn je. Und so sitzt der neue heimliche Vorsitzende in seinem kleinen Bundestagsbüro, das weit weg liegt von den wichtigen Arbeitsräumen mit Blick auf den Reichstag. Er streckt seine langen Beine aus und entwirft grüne Zukunftspläne. Er spricht darüber, dass es in einem Fünf-Parteiensystem „mehr denn je auf das eigene Profil ankommt“, und ist davon überzeugt, „die Wähler haben die Farbenspiele satt“.

Jürgen Trittin beobachtet diese jedoch sehr genau. Er hält ein Bündnis mit der „regierungsunwilligen“ Linkspartei 2009 auch wegen deren Haltung zu EU und UN für unmöglich. Er glaubt nicht an eine inhaltliche Basis für eine Koalition mit CDU und FDP und spekuliert auf eine Ampel-Regierung. Er nennt diese die „am wenigsten unwahrscheinliche Konstellation“. Aber wenn es so weit ist, dann will er endlich seinen Fischer-Komplex ablegen. Dann will Jürgen Trittin Außenminister werden und Vizekanzler.

Trittin gefällt sich in der Rolle des Strippenziehers hinter der doppelten Doppelspitze, hinter den Vorsitzenden Claudia Roth und Reinhard Bütikofer, hinter den Fraktionschefs Renate Künast und Fritz Kuhn. Selbst wenn der Parteitag in Erfurt zugleich mit Cem Özdemir einen neuen Vorsitzenden wählen wird, wissen alle, dieser hat nur eine Aufgabe. Er soll zusammen mit Claudia Roth die Partei ruhig halten, damit das Duo Trittin und Künast erfolgreich Wahlkampf machen kann.

Die Grünen sind einerseits immer gut gefahren mit dieser vielköpfigen Führung. Sie erfordert zwar enormen Koordinierungsaufwand, sorgt aber gleichzeitig in Krisenzeiten für Stabilität. Trotzdem befinden sich die Grünen in einer strategisch gefährlichen Situation. Als Scharnierpartei zwischen den politischen Lagern wollen die grünen Strategen ihre Partei positionieren, bündnisfähig nach links und nach rechts. „Wir koalieren dort, wo wir unsere Inhalte umsetzen können“, sagt Trittin.
In der neuen grünen Farbenlehre ist alles möglich. Rot-grün wird Bremen regiert, Hamburg schwarz-grün und in Hessen wird ein rot-rot-grünes Bündnis auf den Weg gebracht. Da ist der Grat zwischen Profilierung und Beliebigkeit schmal. Das zeigt sich derzeit in Hamburg, wo die Grünen das umstrittene Kohlekraftwerk Moorburg nicht mehr stoppen und damit ihr vollmundig gegebenes Wahlversprechen nicht einlösen können.

Den Grünen fehlt ein strategisches Zentrum. Sie verheddern sich im doppelten Kampf gegen Atom und Kohle. Die Abstimmungsprozesse an der Parteispitze kosten Zeit und manchmal auch die Orientierung, zumal die traditionell starken Landesverbände machtpolitisch auseinanderstreben. Der Partei fehlt Führung, und die Basis bröckelt. In ihren Stammländern Hessen und Hamburg hat die Partei bei den Landtagswahlen zuletzt fast jeden vierten Wähler verloren.

Trittin könnte führen und er hätte zudem die Möglichkeit gehabt, die ganze Macht in der Partei zu übernehmen. Er hätte sich in einer Urwahl zum alleinigen Spitzenkandidaten nominieren lassen können, denn an der Basis ist er beliebter als die ungeduldige Renate Künast. Er hätte nach dem Parteivorsitz greifen können, schließlich hatten alle Nachwuchskader zunächst gekniffen. Er hätte als Liebling der Basis auch das programmatische Profil schärfen und den linken Parteiflügel auf das angestrebte Bündnis mit den Liberalen vorbereiten können. Doch Trittin zaudert, anders als einst Joschka Fischer, der gerne ohne Rücksicht auf Verluste vorgeprescht ist. Der neue heimliche Vorsitzende hingegen lässt sich lieber einbinden, gibt den loyalen Teamspieler. Selbst an der innerparteilichen Intrigenfront herrscht derzeit Ruhe. Trittin lobt stattdessen die „vertrauensvolle Zusammenarbeit“ mit seiner Rivalin Künast und wartet in der Deckung.
Doch spätestens am Tag nach der Bundestagswahl ist es damit vorbei. Denn wenn der Wahlausgang es zulässt, dann muss der Möchtegern-Außenminister den Fischer machen und die skeptische grüne Basis davon überzeugen, dass Westerwelle und Trittin ein Traumpaar der deutschen Politik werden können.

© Christoph Seils, Berlin