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Der treue Verräter

Der bayerische Bundestagsabgeordnete Uwe Hiksch wechselte von der SPD zur PDS - er hat nur wenige alte Freunde behalten und kaum neue gefunden.

Berliner Zeitung, 04.Januar 2000

Von Christoph Seils

COBURG, im Januar. Uwe Hiksch setzt sich nicht hin. Er steht. Er steht zwischen den Kneipen-Tischen und stößt sich mit seinen Einmeterneunzig fast an den niedrigen Deckenbalken. Er redet. Zwei Stunden lang sucht er nach Erklärungen, nach Rechtfertigungen, entgegnet ausgesprochenen und unausgesprochenen Vorwürfen, beantwortet gestellte und nicht gestellte Fragen. Hiksch spricht schnell. Zu schnell.

Vor gut drei Monaten ist der bayerische Bundestagsabgeordnete von der SPD zur PDS übergetreten; an diesem Abend tritt er erstmals wieder in Coburg auf. In der Kneipe „Zur Guten Quelle“. „Hiksch stellt sich“, hatte die Lokalzeitung angekündigt, auf der Titelseite gleich neben dem Aufmacher. Es klang wie eine Drohung, wie eine Aufforderung, es dem Verräter, dem Abtrünnigen, mal ordentlich zu zeigen. Denn über Nacht ist Uwe Hiksch Ende September in Oberfranken vom direkt gewählten Volksvertreter zur Person skandaleux, vom Politiker zum Politikum geworden.

Wochenlang haben der „Verräter“ und sein „Mandatsklau“ in Coburg und Umgebung für Wirbel gesorgt und die Leserbriefspalten der Lokalzeitungen gefüllt. Freunde haben sich abgewandt, Mitarbeiter gekündigt, sein Vater, seit über vierzig Jahren Sozialdemokrat, hat wochenlang nicht mit ihm geredet. Ein örtlicher Bildungsverein hat versucht, ihn auszuschließen, weil Kommunisten in ihm nichts zu suchen hätten. Mittlerweile notiert sich Uwe Hiksch, wer ihm noch die Hand gibt.

Die vierzig Coburger in der „Guten Quelle“ wollen Uwe Hiksch persönlich anhören. Die Honoratioren der örtlichen SPD fehlen, einige ehemalige politische Freunde sind da, auch neue politische Mitstreiter. Keine Hand regt sich zum Beifall, als Hiksch die Kneipe betritt.

„Die SPD ist nicht mehr die Schutzmacht der kleinen Leute“, ruft er in den Saal, die Funktionärselite der Partei habe sich mit den bestehenden Verhältnissen abgefunden. Hiksch will sich nicht abfinden. Er hat gegen Schröders neue Mitte gekämpft und für die Vermögensteuer. Er misstraut den Modernisierern in der SPD. Uwe Hiksch will weiter den Kapitalismus kritisieren und nicht mit, sondern „gegen Henkel und Stihl“ Politik machen, „damit die Herren Millionäre nicht so frech werden“. Solche Sätze sagt Hiksch gerne.

Mehr als 17 Jahre war Uwe Hiksch Sozialdemokrat. Für den 35 Jahre alten Industriekaufmann und Volkswirt war die SPD Heimat und Familie. „Ich bin in die SPD hineingeboren worden“, sagt er, „die SPD war fast 20 Jahre lang mein einziges Hobby.“ Er saß im Präsidium der bayerischen SPD, war Kreisvorsitzender der Arbeiterwohlfahrt und der Naturfreunde, Mitglied im DGB-Kreisvorstand und Vorsitzender einer Beschäftigungsgesellschaft. Anfang der neunziger Jahre war er drei Jahre lang stellvertretender Juso-Bundesvorsitzender. 1994 zog er erstmals in den Bundestag ein. Überraschend gewann er dann im September vergangenen Jahres mit 47,8 Prozent das Direktmandat im oberfränkischen Wahlkreis Coburg-Kronach.

In der „Guten Quelle“ steht ein Zuhörer auf, um mit Hiksch abzurechnen. „Weißt du noch, Uwe“, sagt Jürgen Stoschek, „wir haben zusammen in der Gewerkschaftsjugend gearbeitet.“ Inzwischen ist Stoschek ein Kleinunternehmer. „Du schwächst die SPD“, schimpft er, „du hältst populistische Reden, dabei hättest du mit der SPD Politik gestalten können.“ Die anderen Mitstreiter der SPD sitzen da und schweigen. Nach dem offiziellen Teil der Veranstaltung setzt sich Hiksch zu ihnen.

Gerhard Heublein ist Betriebsrat in einem Kabelwerk und gehört der SPD seit mehr als dreißig Jahren an. „Als ich in die SPD eingetreten bin, war die Partei noch für die Verstaatlichung der Grundstoffindustrie“, sagt er. Seitdem hat er viele Wandlungen der Partei miterlebt und nachvollzogen. Was derzeit in der SPD vorgehe, verstehe auch er nicht so richtig. Schröder ist ihm unheimlich, sagt er.

Hiksch gibt sich kumpelhaft und erklärt. Es gebe eine neue Generation von Soziademokraten, „die sich schämt, Arbeitern die Hand zu geben“. Aber Heublein lässt sich nicht von Hiksch beeindrucken. Einmal Sozialdemokrat, immer Sozialdemokrat, „die SPD ist die Arbeiterpartei“, sagt er. „Was du machst, ist Wahlbetrug, wenn ich PDS höre, gehen mir die Nackenhaare hoch.“

Hiksch verstand sich schon seit langem nicht als Repräsentant der Partei, sondern als Wortführer des linken Parteiflügels. Der verlor in den letzten Monaten immer mehr an Bedeutung. Irgendwann prophezeite der SPD-Fraktionsvorsitzende Peter Struck den Widersachern des Sparkpakets von Hans Eichel auf einer Fraktionssitzung, außer Uwe Hiksch werde kein sozialdemokratischer Bundestagsabgeordneter gegen das Sparpaket stimmen. Spätestens zu diesem Zeitpunkt wusste Uwe Hiksch, dass er in der SPD ziemlich allein dasteht.

„Ich bin ein Überzeugungstäter“, sagt er in der „Guten Quelle“. Karl Marx habe er studiert und Rosa Luxemburg. „Ich bin ein Traditionalist alter Schule.“ Es scheint, als würden dem politischen Grenzgänger diese Bekenntnisse Halt geben.

Nichts verdeutlicht die Distanz zwischen dem Traditionalisten Uwe Hiksch und den Modernisierern der SPD mehr als ein kleines, zerlesenen Büchlein aus den siebziger Jahren. Die Göttinger Thesen. Sie stehen in Hikschs Wahlkreisbüro ganz vorne im Bücherregal. Sie haben, erklärt er, seine politische Sozialisation bis heute geprägt.

Radikale linke Theorien, muss man dazu wissen, gehörten in den siebziger und achtziger Jahren zum Standard-Repertoire jedes Jungsozialisten. Wer in westdeutschen Juso-Kreisen mitreden wollte, musste Marx-fest sein. Da wurde über Staatsmonopolkapitalismus und über Verstaatlichung der Banken gesprochen. In den Göttinger Thesen versuchten die so genannten „Antirevisionisten“ in der SPD-Jugendorganisation sich an einer Marx-Exegese.

Heute lässt sich darüber lächeln, dabei haben fast alle SPD-Enkel mitgemacht. Auch Gerhard Schröder. Das Impressum weist ihn als Mitherausgeber aus.

Vielleicht war der Weg von Uwe Hiksch zur PDS unausweichlich. Hier wird noch über die Klassiker diskutiert, hier gelten Ideologien noch etwas. Hiksch wollte nicht als „Hanskasper der Parteilinken“ sein Dasein in der Sozialdemokratie fristen. „Ich fühl mich wieder frei“, sagt er, „endlich habe ich für meine Politik wieder einen Resonanzboden.“ Innerlich jedoch hat er den Abschied von der SPD wohl noch nicht vollzogen. Dafür betont er zu oft das Wörtchen leider. „Leider“ sei die SPD keine Arbeiterpartei mehr, „leider“ habe Schröder im Kosovo Krieg geführt. „Leider“ sei die PDS die einzige linke Partei in Deutschland.

Nur eine Woche im Herbst war Hiksch parteilos. So einer wie er braucht eine Partei. Als Familienersatz, als Lebensinhalt. Organisation ist nicht alles, aber ohne Organisation ist Uwe Hiksch nichts. Deshalb will Uwe Hiksch nun die PDS im Westen aufbauen. Unermüdlich ist er unterwegs, spricht auf Veranstaltungen, besucht neue Mitglieder, organisiert in der westdeutschen Provinz die Gründung von Basisorganisationen. 4 000 Mitglieder soll die Partei dort bis Ende des Jahres haben. 10 000 hält Uwe Hiksch bis zum Ende dieser Legislaturperiode im Jahr 2002 für möglich. Die Zahl der bayerischen PDS-Mitglieder hat sich in den letzten Monaten um mehr als hundert erhöht auf rund 350.

„Leider“ ist Uwe Hiksch auch in der PDS schon angeeckt, denn im Grunde ist er das, was man einen Realpolitiker nennen könnte. Umverteilung von oben nach unten will er organisieren. Die Rente mit 60 hält er für eine gute Idee. „Ich will regieren“, sagt er. Von Fundamentalopposition, wie sie vor allem viele westdeutsche PDS-Politiker betreiben, hält er wenig. „Sektierer“ entgleitet es ihm, als er auf einem Treffen von Gewerkschaftslinken revolutionäre Bekenntnisse seiner neuen Parteifreunde vernimmt.

Bei einem Besuch in Hamburg hat der PDS-Landessprecher ihm gar entgegnet, mit seinen reformistischen Ansichten wäre er doch besser in der SPD geblieben. Längst hat ihn auch die Kommunistische Plattform der PDS als Feind entlarvt, weil er den „antifaschistischen Schutzwall“ auf einer PDS-Veranstaltung „Zonengrenze“ genannt und damit einen „antikommunistischen Kampfbegriff“ verwendet hat. In der PDS, sagt Uwe Hiksch, gebe es manche, die aus der Vergangenheit nichts gelernt haben.

Hiksch ist ein Einzelfall geblieben. Die „massive Übertrittswelle“, die er angekündigt hatte, ist ausgeblieben. Er habe das überschätzt, räumt Hiksch ein, vermutlich aber hat Uwe Hiksch vor allem sich selbst überschätzt und die Signalwirkung seines Parteiwechsels.

In der „Guten Quelle“ in Coburg meldet sich nur eine Hand voll Interessenten für die Gründung einer Basisgruppe der PDS. Mit mehr habe er nicht gerechnet, sagt Hiksch. Immer wieder blickt er zum Ausgang, wenn einer von denen geht, die er für sich gewinnen wollte. „Herbert, wann kommst du rüber“, ruft Hiksch einem von ihnen hinterher. Die Tür fällt zu, ohne dass er eine Antwort bekommt.

© Christoph Seils, Berlin