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Was tat Putin in Dresden?

Nicht in Moskau, in Dresden begann die Karriere Wladimir Putins. Als Agent des KGB war er bis zum Zusammenbruch des Honecker-Regimes in der DDR stationiert. Fünf geheimnisvolle Jahre, um die sich bis heute wüste Spekulationen ranken.

Cicero, November 2004

Von Christoph Seils

Es ist eine ziemlich desillusionierte Runde, die an diesem Wintertag zu einem mehr oder weniger konspirativen Treffen in einer Dresdner Plattenbauwohnung zusammengekommen ist. Zwei Offiziere des KGB haben das Treffen hektisch organisiert, dazugestoßen sind ein Mitarbeiter der K1, der politischen Polizei der DDR, der jedoch seit vielen Jahren im Dienst des sowjetischen Geheimdienstes steht, sowie ein Auslandsaufklärer des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR. Eine friedliche Revolution hat ihn gerade um Job und Auftrag gebracht. Es ist der 16. Januar 1990.

Eine Flasche Sekt steht auf dem Tisch. Westsekt. Dabei gibt es eigentlich nichts zu feiern. Die DDR ist am Ende, ihr Geheimdienst auch. Die Dresdener Bezirksverwaltung des Ministeriums für Staatssicherheit wurde in der Nacht vom 5. zum 6. Dezember 1989 gestürmt, die Akten von einem Bürgerkomitee gesichert. Auch der KGB, der auf Perestroika in der DDR gesetzt hatte, ist damit gescheitert. Was noch schwerer wiegt: Der Geheimdienst ist in der DDR nicht mehr arbeitsfähig. Ohne sozialistische Bruderhilfe gibt es keine abhörsicheren Leitungen mehr, keine operativen Maßnahmen oder gefälschten Pässe. Es ist ein Desaster. Also beraten die vier Herren darüber, was noch zu retten ist, wie nun Teile des DDR-Agentennetzes in den KGB überführt werden können.

Moskaus Agenten stehen unter immensem Druck. „Intensivst“ sollen sich diese „um neue Kundschafter bemühen“, so lautet die Anweisung an die Tschekisten in der DDR. So groß scheint der Druck auf die beiden KGB-Offiziere, dass bei diesem Treffen selbst Grundregeln des Gewerbes nicht mehr recht beachtet werden. Oder ist den beiden Spionen aus der Sowjetunion bereits alles egal? Ahnen sie schon, dass der Kalte Krieg verloren ist und auch daheim revolutionäre Umwälzungen bevorstehen? Während des Gesprächs wird Kaffee serviert, Kinder tollen herum. Obwohl die beiden Agenten wissen müssten, dass der Klassenfeind die Personalakten aller DDR-Spione inzwischen kennt, läuft der Ex-Aufklärer mit dem Decknamen „Klaus Zaunick“ an diesem Tag zum KGB über. Die Gläser klirren, die vier Männer geloben gute Zusammenarbeit und trinken auf eine demokratisch-sozialistische DDR.

Es war nichts mehr zu retten. Vierzehn Jahre später arbeitet Klaus Zaunick als Caterer. Georg S., der ehemalige Kriminalist im Dienste des KGB, lebt von Sozialhilfe. Die Spur des einen KGB-Offiziers hat sich verloren. Nur der KGB-Oberstleutnant, der an diesem Tag das Gespräch führt, der Klaus Zaunick anwirbt und Georg S. seinen „besten Mann“ nennt, hat eine erstaunliche und zu diesem Zeitpunkt völlig unvorstellbare Karriere gemacht. Es ist Wladimir Wladimirowitsch Putin, heute Präsident Russlands.

Viereinhalb Jahre, vom August 1985 bis zum Januar oder Februar 1990, verbrachte Wladimir Putin in Dresden. Kaum jemand in der Elbestadt erinnerte sich jedoch an den kleinen Russen, als dieser am 31. Dezember 1999 von Boris Jelzin überraschend zu seinem Nachfolger ernannt wurde. Viel ist seitdem über Putins fünf Dresdener Jahre spekuliert worden. Hat Wolodja dort den Grundstein für seinen steilen Aufstieg im postsozialistischen Russland gelegt? Hat er in Dresden sein Netzwerk geschmiedet? War er gar Teil der Operation Lutsch, mit der der KGB die SED ausspionierte? War er ein Meisterspion des Kalten Krieges oder nur ein durchschnittlicher Agent in der DDR-Provinz?


Dresden ist für den damals 32-jährigen Wladimir Putin der erste Auslandseinsatz, Deutschland ist Neuland, privat und beruflich. Und es entpuppt sich für den Jung-Agenten allem voran als privates Glück – die graue DDR-Provinz als sein realsozialistisches Paradies. Das fängt schon bei der Wohnung an. In Leningrad lebte er mit seiner Frau und der ersten Tochter Mascha auf engstem Raum in der Wohnung der Eltern. In Deutschland zieht er in eine Dreizimmer-Plattenbau-Wohnung am Rande eines kleinen Wäldchens und hat plötzlich für russische Verhältnisse unvorstellbar viel Platz – seine zweite Tochter Katja wird im Dezember 1986 in Dresden geboren.

Das Ehepaar Putin ist begeistert. „Der Lebensstandard war viel höher als bei uns“, erinnert sich Ehefrau Ljudmila in einem Interview, das Warenangebot „üppiger“. Sie können sich etwas leisten. In der DDR verdient Putin ein vergleichsweise stattliches Gehalt, 1800 DDR-Mark, sowie als Zulage 100 Dollar. Das reicht sogar dafür, auf ein eigenes Auto zu sparen, einen schwarzen Wolga. Als der Wechselkurs zwischen Dollar und D-Mark günstig ist, lässt sich Putin von einem Kameraden aus dem Westberliner Konsumtempel KaDeWe eine Stereoanlage mitbringen. Stolz stellt er sie in seine Sprelakart-Schrankwand. Organisieren, so erinnern sich Freunde, konnte Putin gut.

Dabei ist Dresden, das private Paradies, für Wladimir Putin beruflich nur zweite Wahl, kein Traumjob, eher eine Karriere-Sackgasse. „Dresden, das war eine Verbannung“, sagt ein ehemaliger KGB-Offizier, der dort ebenfalls fünf Jahre verbrachte. Jeder, der an der Geheimdienstschule in Moskau zum Auslandsaufklärer ausgebildet wurde, träumte von einem Einsatz auf dem Terrain des Klassenfeindes, in Washington, in Bonn oder in Wien. Nicht einmal nach Ost-Berlin kommt Putin.

Dresden ist kein Tummelplatz für Agenten, und es ist deshalb nur eine kleine KGB-Einheit, die sich dort eingerichtet hat. Was tat Putin in der Angelikastraße, was war seine Aufgabe? Um diese Frage ranken sich viele Legenden. Und Spekulationen: Putin soll bereits Ende der siebziger Jahre in Bonn gearbeitet haben. Im Westberliner KaDeWe soll er von einem alliierten Geheimdienst beobachtet und fotografiert worden sein. Er soll Dokumente über den Eurofighter organisiert haben. Er soll die engen Kontakte zwischen Robotron und Siemens sowie den renommierten DDR-Wissenschaftler Manfred von Ardenne ausspioniert haben. Und er soll die Dresdener SED-Reformer Hans Modrow und Wolfgang Berghofer observiert oder gar unterstützt haben. Nichts von alledem lässt sich belegen, vieles widerspricht jeder sozialistischen Geheimdienst-Logik, das meiste scheint erfunden. Etwa sein Aufenthalt in Bonn, schließlich sprach Putin kaum Deutsch, als er 1985 nach Dresden kam. Größte Zweifel bestehen auch an seinem beruflichen Interesse an Modrow und Berghofer. Für den SED-Bezirkschef von Dresden und den Oberbürgermeister der Stadt waren höhere KGB-Chargen und vermutlich KPdSU-Kader zuständig.

So geht es mit vielen kolportierten Geschichten. Bitter beklagt sich Putin in einem Interview darüber, „was man da nur alles über mich erfunden hat“. „Alles Quatsch“, sagt auch Wladimir Uzzolzew, der mit Putin in Dresden zwei Jahre das Arbeitszimmer teilte. Eindeutige Antworten gibt es nicht, die wenigen Akten, die es beim KGB in Dresden gab, wurden entweder im Herbst 1989 verbrannt oder nach Moskau ins KGB-Archiv geschafft. Putin selbst spricht nur in Andeutungen über den beruflichen Teil seiner Dresdener Jahre.


Wenige Mitstreiter von einst wagen rückblickend ein Urteil. Für Markus Wolf etwa, den Leiter der DDR-Auslands-aufklärung, war Putin „ziemlich unbedeutend“. Dies zeige allein die Tatsache, dass Wladimir Putin vom MfS für seine Verdienste nur mit einer „Verdienstmedaille der Nationalen Volksarmee in Bronze“ ausgezeichnet wurde. Jede Putzfrau beim MfS habe diese Auszeichnung erhalten, so Wolf.

Auch Oleg Kalugin, der einst Chef der sowjetischen Spionageabwehr war und nach der Wende zum CIA überlief, nennt Putin wenig erfolgreich. Doch beide sind Putin nie begegnet. Wladimir Uzzolzew hingegen hat mit Putin zusammengearbeitet und auch er sagt heute völlig desillusioniert: „Wir haben fünf Jahre für nichts gearbeitet.“ Und dies „sehr reglementiert und ineffektiv“. Der so gefürchtete Geheimdienst war eine hermetisch abgeschlossene Welt aus stupider Routine, sinnlosen Berichten und endlosem Aktenstudium.

Glaubt man Wladimir Uzzolzew, dann war Wladimir Putins Aufgabe die „illegale Aufklärung“, die „Aufklärung mit gefälschten Papieren“. Demnach war Putin nur ein kleines Rädchen im großen KGB. Seine Hauptaufgabe bestand darin, ideologisch gefestigte DDR-Bürger und vor allem Studenten aus der Dritten Welt für die Zusammenarbeit zu gewinnen. Mit einer Legende ausgestattet sollten diese in den Westen geschleust werden. „Es war eine Perlensuche“, so Uzzolzew. Tausende Kandidaten wurden beobachtet, Hunderte auf ihre ideologische Zuverlässigkeit getestet, Dutzende auf Herz und Nieren geprüft, vielleicht zwanzig oder dreißig als Informanten gewonnen, ganz wenige für eine weitere Ausbildung zu illegalen Top-Spionen ausgewählt.

War Putin erfolgreich? Auf den ersten Blick ja. Schließlich ist er in Dresden zweimal befördert worden, erst vom Hauptmann zum Major, dann zum Oberstleutnant. Putin selbst nennt Beförderungen den Lohn „konkreter Ergebnisse meiner Tätigkeit“ und den Lohn für die „Anzahl der realisierten Informationseinheiten“. Doch Wladimir Uzzolzew ist sich sicher, dass die realisierten Informationseinheiten klein waren, dass er „vermutlich nur zwei Leute“ für die illegale Arbeit rekrutieren konnte und jedes Mal einen zusätzlichen Stern kassierte.

Und die Kärrnerarbeit machen häufig andere. Der Kontakt mit den IMs, mit den Spitzeln im Westen und den Zuträgern im Osten gehört nicht zu Putins Hauptaufgaben, dafür hat er zwei so genannte Führungs-IMs, zwei DDR-Bürger, die unter einer Legende in der Bezirksdirektion der DDR-Volkspolizei angestellt sind, Reinhard E. und Georg S. Putin wirkt im Hintergrund, er ist ihr Führungsoffizier. Er entwirft Einsatzpläne, bestimmt Maßnahmen, organisiert konspirative Treffen.

Vor allem die Angst der Russen vor den Amerikanern war auch in Dresden allgegenwärtig. Die Sowjetunion war felsenfest überzeugt, dass ein atomarer Erstschlag der Amerikaner nicht aus heiterem Himmel käme, dass er sich ankündigen würde, dass frühzeitig Indizien für die Kriegsvorbereitung erkennbar sein müssten.


Dazu musste auch Putin seinen Beitrag leisten. Die Sowjetunion ging zum Beispiel davon aus, dass die USA ihre Green Barrets losschicken würden, um vor einem atomaren Überfall das sowjetische Potenzial zum Gegenschlag auszuschalten. Diese Green Barrets waren unter anderem im bayerischen Bad Tölz stationiert. Es gehörte zur Aufgabe jedes Tschekisten, jedem noch so kleinen Hinweis auf die Vorbereitung eines atomaren Erstschlages nachzugehen, also auch in Dresden potenzielle Informanten anzuwerben.

Das war eine Sisyphos-Aufgabe. Tausende von Besuchsanträgen von BRD-Bürgern nach Dresden und Umgebung wurden wöchentlich gecheckt. Fast jeden Abend saßen die KGB-Offiziere in ihren dunklen Zimmern vor großen Karteikästen, blätterten die DIN-A5-Kärtchen durch. Sobald ein Besucher aus Bad Tölz oder Umgebung unter den Westbesuchern ausgemacht war, begann die Arbeit. Erst musste geprüft werden, ob derjenige entweder beim MfS oder beim KGB schon erfasst war, dann musste das Umfeld des Gastgebers aufgeklärt werden. Es war „Schuften für nichts“, sagt Uzzolzew. Einen Informanten in oder in der Nähe der US-Kaserne in Bad Tölz soll Wladimir Putin geführt haben. Wenn überhaupt, lieferte dieser Informant lediglich kleine Mosaiksteine, die irgendwo im fernen Moskau irgendwie in das große Lagebild einflossen.

Irgendwann glaubt Putin sowieso nicht mehr an die Bedrohung aus dem Westen. Während er, mittlerweile zum Leiter der Parteigruppe aufgestiegen, nach außen den Anhänger von Gorbatschow und Perestroika gibt, äußert er unter vier Augen schon mal kritische Gedanken. Gegenüber seinem Zimmergenossen Wladimir Uzzolzew nennt er die Sowjetunion ein „Land ohne Gesetze“ und erklärt die USA zu seinem Vorbild. Schließlich hätten diese ein „ideales Gesellschaftssystem“, folglich gehe die Gefahr nicht von Washington aus, sondern von Moskau. Doch Putin geht weiter zuverlässig seiner Arbeit nach, Uzzolzew nennt ihn „einen Geheimdienstpragmatiker“ und einen „Konformisten“. So sehr sich in privaten Gesprächen die Entfremdung Putins vom eigenen Land andeutet, offiziell lässt er sich nichts anmerken. So sehr er offiziell die „unverbrüchliche Freundschaft“ der Brüdervölker beschwört, so entsetzt ist er darüber, dass er in der DDR auf eine „völlig konservierte Gesellschaft“ getroffen ist. Seinen Freunden verkündet er sogar: „Honecker muss weg.“

War das seine Überzeugung oder auch sein Auftrag? War Wladimir Putin Teil der Operation „Lutsch“, jener streng geheimen Gruppe des KGB, die es zum Ziel gehabt haben soll, Informationen über die SED zu sammeln und die Reformer in der Partei zu stärken, und von der Verschwörungstheoretiker sogar glauben, sie habe den Sturz Honeckers und die Wende in der DDR gesteuert. Es gibt keine zugänglichen Akten über Lutsch. Niemand weiß, wie groß die Gruppe war, ob diese Operation die Reformprozesse in der DDR tatsächlich beeinflusst hat. Aber gescheitert ist die Operation in jedem Fall. Schließlich war es ihr Ziel, in Ost-Berlin eine Moskau-treue Regierung zu etablieren. Die dürftigen Fakten, die bekannt sind, sprechen dagegen, dass Putin der Gruppe Lutsch angehörte. Denn wer in der DDR offiziell für den KGB arbeitete, kam für die Gruppe Lutsch nicht in Frage. Moskau misstraute inzwischen den Tschekisten in der DDR, aufgrund der strukturellen Abhängigkeit vom MfS galten sie als zu MfS-freundlich. Auch in Dresden, auch Wladimir Putin.


Doch Putin sucht den Kontakt zu seinen deutschen Kampfgefährten und sei es zunächst nur, um Deutsch zu lernen. Also schleicht Klaus Zaunick die fünf Treppen im Dunkeln hinauf, als er Putin das erste Mal privat besucht. Beim Fußball haben sich die beiden kennen gelernt. Sport ist Pflicht bei der Stasi, jeden Donnerstag um 7 Uhr treffen sich die Dresdener Auslandsaufklärer im nahen Jägergrund. Gelegentlich schließt sich Putin den Stasi-Kickern an, Zaunick und Putin kommen ins Gespräch, werden Freunde. Sie führen nicht nur Fachgespräche über die illegale Aufklärung und die Prüfung von Kandidaten, häufig reden sie über deutsche Literatur und Philosophie. Nicht Marx, sondern Immanuel Kant hat es Putin angetan, er unterhält sich gerne über dessen Philosophie der Aufklärung, über die „Kritik der reinen Vernunft“ oder die „Präliminarartikel zum ewigen Frieden“. Jenen Aufsatz, in dem Kant die Abschaffung stehender Heere fordert oder Prinzipien einer institutionalisierten Friedenssicherung formuliert.

Doch von einer Friedensordnung im Kantschen Sinne ist Mitteleuropa Ende der achtziger Jahre weit entfernt. Mit dem Ende des Kalten Krieges, der Implosion der DDR und dem Zusammenbruch einer Weltmacht rechnet niemand. Auch Putin nicht, der zwar nicht mehr an den Kommunismus glaubt, vielleicht auch an der Mission des KGB zweifelt, aber seinen Job macht. Er arbeitet professionell und sei es nur, um die Privilegien des Gewerbes weiter zu genießen. Doch selbst die sind mittlerweile in Gefahr. Wladimir Putin erlebt hautnah, wie ein Weltmachtsystem zerbröselt.

Am 5. Dezember 1989 stürmen aufgebrachte Dresdener die Stasi-Bezirkszentrale in der Bautzener Straße. Gleich um die Ecke steht die KGB-Villa. Auch sie gerät in das Visier der Demonstranten. Die Stimmung ist aufgeheizt. Als dienstältester Offizier muss Putin vor das Tor treten, sich den Demonstranten in den Weg stellen. Er sucht Rat und Unterstützung, ruft zunächst in Berlin-Karlshorst an, doch dort kann ihm niemand weiterhelfen. Dann nimmt er Kontakt zur Sowjetarmee auf, um militärischen Schutz zu erbitten. Doch der Diensthabende sagt ihm, „ohne Erlaubnis aus Moskau können wir nicht eingreifen“, und dann fügt er zwei Worte hinzu, die sich bei Putin tief eingeprägt haben: „Moskau schweigt.“ Putin stellt sich und seine Kameraden darauf ein, sich selbst zu verteidigen. Doch die Konfrontation verläuft glimpflich. Putin ist geschockt. Er habe erstmals das Gefühl gehabt, dass sein Land nicht mehr existiere, erinnert er sich, an jenem Abend sei ihm klar geworden, „dass auch die Sowjetunion krankte, und zwar an einer tödlichen, unheilbaren Krankheit, der Paralyse der Macht“. Noch in derselben Nacht beginnen die Dresdener KGB-Agenten damit, Akten zu verbrennen. Wenige Wochen später packt Wladimir Putin mit seiner Familie seine Sachen. Er hat keine große Zukunft im KGB, dafür hätte er in Moskau in der Zentrale einen neuen Job bekommen müssen. Putin aber wird zurückgeschickt in die Provinz, nach Leningrad. Er bekommt von seinen deutschen Freunden noch eine Waschmaschine geschenkt, dann verlässt er sein realsozialistisches Paradies.

Nicht ohne dem KGB in Dresden eine tickende Zeitbombe zu hinterlassen. Denn die Anwerbung von Klaus Zaunick, eine seiner letzten Dresdener Diensthandlungen, gerät für Wladimir Putin zum Fiasko. Elf Monate später läuft dieser zum Verfassungsschutz über. Es rächt sich, dass Putin nicht mehr auf Konspirativität geachtet hat. Zaunick packt aus. Mindestens 15 IMs und FIMs werden enttarnt, Georg S., Putins „bester Mann“, wird verhaftet. Ein wichtiger Teil des Agentennetzes der Dresdener KGB-Residentur ist enttarnt.

Doch schaden kann Putin sein Versagen nicht mehr. Als Zaunick überläuft, arbeitet Wladimir Putin schon für Anatolij Sobtschak, den neuen reformorientierten Bürgermeister von Leningrad, das schon bald in St. Petersburg zurückbenannt wird. Putin ahnt 1990 nicht, dass es für ihn nur noch nach oben geht. Ohne den Zerfall der Sowjetunion jedoch, ohne den gescheiterten Putsch gegen Gorbatschow, ohne die Auflösung der KPdSU hätte er wohl keine Chance zu einer zweiten Karriere bekommen.

© Christoph Seils, Berlin