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Die Putschisten von Mannheim

Die Forschungsgruppe Wahlen wird gern als besonders seriöses Meinungsforschungsinstitut bezeichnet.

Cicero, Februar 2008

Von Christoph Seils

Am Anfang stand die Politikverdrossenheit. Die Aufregung zumindest war groß, als das Politbarometer der Forschungsgruppe Wahlen am 29.April 1977 offenbarte, wie tief das Misstrauen der Deutschen gegenüber der Politik ist. „Glauben Sie, dass heute in der Bundesrepublik im Großen und Ganzen die richtigen Leute in den führenden Stellungen sind, oder glauben Sie das nicht“, lautete die Frage und fast die Hälfte der Befragten entgegnete: „Nein, glaube ich nicht.“ Inzwischen verneinen bei repräsentativen Umfragen regelmäßig mehr als zwei Drittel der Deutschen diese Frage, die Medien reagieren mit routinierter Langeweile, die Politiker bleiben gelassen. Vor 31 Jahren waren die Zahlen eine Sensation. In den Medien wurden sie aufgeregt diskutiert, die Politiker gelobten wortreich Besserung.

Es war schließlich das erste Politbarometer, das an jenem Freitag über die Bildschirme des Zweiten Deutschen Fernsehens flimmerte, das erste von mittlerweile etwa 350. Der 29. April 1977 markierte somit eine Zeitenwende: Das ZDF würde künftig einmal im Monat die Bevölkerung befragen: Ob sie Angst um ihren Arbeitsplatz habe oder ob ihre Rente sicher sei. Welche Politiker ihnen sympathisch seien und welche Partei sie wählen würden. Die Forschungsgruppe Wahlen wurde im Auftrag des ZDF zum Trendsetter. Ohne vorgeschaltete Erkundung der Meinung der Betroffenen gibt es seither kein Regierungshandeln, keine politische Kampagne und keine Personalentscheidung. Die ausufernde Meinungsforschung hat die Politik und die politische Kommunikation in den vergangenen 31 Jahren genauso verändert wie die öffentliche Meinung.

Doch gleichzeitig stehen die Institute unter ständigem Legitimationsdruck. Kritiker werfen ihnen die Manipulation der Zahlen und die Beeinflussung der Wähler vor. Die Methoden werden genauso beanstandet wie die Interpretation der Ergebnisse.

Doch die Klagen der Politiker über die Ergebnisse von Umfragen und über den Einfluss der Demoskopen sind so alt wie die Zunft selbst. Im Grunde verdankt die Forschungsgruppe Wahlen in Mannheim diesem Umstand ihre Existenz, denn in den siebziger Jahren waren die Klagen noch sehr viel lauter, die Methoden heftig umstritten. Die Meinungs- und Wahlforschung steckte noch in den Kinderschuhen. Gleichzeitig waren die gesellschaftlichen Auseinandersetzungen jener Jahre ideologisch aufgeladen. Und die Demoskopen mittendrin. Auf der einen Seite stand das Meinungsforschungsinstitut Infas, es arbeitete sowohl für die ARD als auch für die SPD und Infas-Chef Klaus Liepelt machte keinen Hehl daraus, dass er der Partei politisch nahestand. Auf der anderen Seite fühlten sich die Institute Allensbach und Emnid eng mit der CDU verbunden.

Das ZDF hingegen kämpfte Anfang der siebziger Jahre mit dem Image, ein seichter Unterhaltungssender zu sein. Für harte politische Informationen war die ARD zuständig. Doch die Mainzer wollten gegenhalten, sich ebenfalls mit aktuellen politischen Sendungen profilieren, und dazu gehörte schließlich die Zusammenarbeit mit einem Meinungsforschungsinstitut. Da kamen die Wahlforscher der Universität Mannheim gerade recht. Sie galten als unabhängig und ausgewogen, nicht politischen oder ökonomischen Interessen, sondern der Wissenschaft verpflichtet. Und sie brachten erste praktische Erfahrung mit, schließlich hatte Professor Rudolf Wildenmann bereits seit 1965 im Auftrag des ZDF Hochrechnungen von Bundestagswahlen erstellt. Die Forschungsgruppe war eine Gegengründung gegen die ARD und gegen die politisch gefärbte Demoskopie. Doch ohne Tricks ließ sich die Zusammenarbeit nicht etablieren:
Heute würde man die Forschungsgruppe Wahlen als Spin-off-Unternehmen feiern, als ein Unternehmen, das sich aus dem Elfenbeinturm universitärer Forschung erfolgreich in die Praxis ausgegründet hat. Doch vor drei Jahrzehnten waren universitäre Ausgründungen noch verpönt. Hinter dem Rücken Wildenmanns verhandelten schließlich seine Mitarbeiter mit dem ZDF, und sie fädelten das ein, was an der Mannheimer Universität noch immer der „Putsch der Assistenten“ genannt wird. Der renommierte Professor wurde ausgebootet, aus der universitären Forschungsgruppe wurde 1974 ein Verein, aus den Assistenten wurden Vorstandsmitglieder. Das ZDF finanzierte nicht nur die laufende Arbeit, sondern auch die technische Grundausstattung.

„Ohne das ZDF gäbe es die Forschungsgruppe nicht“, das weiß auch Matthias Jung. Der 51-Jährige mit dem runden Gesicht, der hohen Stirn und den kurzen schwarzen Haaren ist eines von drei Vorstandsmitgliedern des eingetragenen Vereins Forschungsgruppe Wahlen. Seit 1991 ist Matthias Jung Mitglied des Vorstandes, die Gründergeneration ist mittlerweile abgetreten. Noch immer sitzt die Forschungsgruppe Wahlen mit ihren etwa 50 Mitarbeitern im dritten Stock eines schmucklosen Bürogebäudes in der Mannheimer Innenstadt. Die Flure sind verwinkelt, die Decken niedrig. Die Telefonstudios wurden mit einfachem grauem Schaumstoff schallisoliert. Dabei ist die Forschungsgruppe Wahlen mittlerweile eine Institution. Kein Meinungsforschungsinstitut besitzt mehr Renommee, keine Ergebnisse werden von Politikern ernster genommen.

„Wir machen kein Massengeschäft“, betont Matthias Jung, keine schnellen Over-Night-Umfragen und es gibt auch keine sogenannten Busse. Das sind jene Umfragen, denen sich jeder Auftraggeber ab einem Preis von 800 Euro mit jedem beliebigen Anliegen anschließen kann und bei denen die Interviewten dann zuerst über ihre Meinung zum Klimawandel und anschließend über die Zahnpasta befragt werden. Matthias Jung glaubt, dass manche Konkurrenten gelegentlich eine Grenze überschreiten, „manches ist nicht mehr seriös“, kritisiert er. Wenn sie beispielsweise nur einen Abend lang Interviews führen, gebe es zu viele Ausfälle, „da können sie keine repräsentative Umfrage machen“, so Jung. Gleichzeitig seien manche Fragen so komplex, dass sie von den Interviewten nicht verstanden werden und zu keinen sinnvollen Ergebnissen führen.

Die Forschungsgruppe Wahlen kann es sich leisten, nicht jeden Trend mitzugehen. Selbst in einem Jahr wie dem vergangenen, in dem es nur eine Landtagswahl gab, überweist das ZDF aus den Gebühren der Fernsehzuschauer etwa 3,5 Millionen Euro. Im kommenden Jahr hingegen, wenn vier Landtagswahlen, die Europawahl und als Höhepunkt die Bundestagswahl anstehen, fließt fast das Doppelte.

Das Herz der Forschungsgruppe schlägt in einem kleinen dunklen Raum, der sich mit viel Fantasie auch Rechenzentrum nennen ließe. Dort steht in einem viel zu großen Stahlschrank ein kleiner leistungsfähiger Spezialcomputer. Von hier aus werden alle 116 Interviewplätze der Forschungsgruppe gesteuert, der Computer stellt die zufälligen Telefonverbindungen her und dokumentiert den Eingang der Antworten. Das System ist ausgereift, über den technischen Standard für repräsentative Meinungsumfragen gibt es anders als vor drei Jahrzehnten kaum noch Meinungsverschiedenheiten. Die Kritik an den Ergebnissen hingegen hält unvermindert an.
Das gilt auch für die Forschungsgruppe, und immer ist es die Sonntagsfrage, an der sich der Streit entzündet, da hier nur alle vier Jahre ein Abgleich mit der Realität stattfindet. Und der ging bei der Bundestagswahl 2005 ziemlich daneben, auch für die Forschungsgruppe. Vor allem die CDU schnitt viel schlechter ab, als es sich Wochen vorher abgezeichnet hatte, die FDP hingegen deutlich besser. Hatten die Meinungsforscher die Stimmung der Wähler also falsch eingeschätzt? Für Jung liegt diesem Vorwurf ein Missverständnis zugrunde, an dem zumindest ein Teil der Konkurrenz mitstrickt. „Wir sind kein Prognoseinstitut“, betont Jung, „wir können Meinungsbildungsprozesse beschreiben“, sagt er, die Zahlen aus der Sonntagsfrage gäben aktuelle Stimmungen wieder. „Aber wir können nicht das Wahlergebnis vorhersagen.“ Wenn andere Institute dies versprächen, dann erzählten sie dort „Unfug“, denn „das ist seriös nicht machbar“. Und so kann der Chef der Forschungsgruppe nur erklären, warum die letzte Umfrage, die 2005 neun Tage vor der Wahl veröffentlicht wurde, in der Summe aller Parteien um 11,5 Prozentpunkte vom tatsächlichen Ergebnis abwich. Erst in der letzten Woche vor der Wahl habe eine intensive Koalitionsdebatte begonnen, so Jung, viele Wähler aus dem bürgerlichen Lager hätten deshalb bei der Wahl die FDP stärken wollen.
Seit dem Jahr 1984 veröffentlicht die Forschungsgruppe Wahlen als einziges Institut im Politbarometer zur Sonntagsfrage zwei Zahlenreihen: Die eine gibt die aktuelle politische Stimmung wieder. Die tatsächlich in den Interviews gewonnenen Werte werden nur nach Alter, Geschlecht und Bildung gewichtet. Die zweite Zahlenreihe nennt die Forschungsgruppe „Projektion“, und sie ist vergleichbar mit jenen Ergebnissen zur Sonntagsfrage, die die Konkurrenz veröffentlicht.

Für Matthias Jung ist die Projektion eine „in Daten geronnene Interpretation“. Schließlich wissen alle Meinungsforscher, dass in die tatsächliche Wahlentscheidung jenseits der aktuellen Stimmung auch Grundüberzeugungen und taktische Überlegungen der Wähler einfließen. Seine Gewichtungsformel verrät allerdings auch Jung nicht. Die ist wie bei allen anderen Meinungsforschungsinstituten auch für die Forschungsgruppe seit 1977 ein „Betriebsgeheimnis“.

© Christoph Seils, Berlin