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Vom richtigen Umgang

In Potsdam wird ein bizarrer Streit um den Wiederaufbau der Hof- und Garnisonkirche ausgetragen.

Frankfurter Rundschau 17. November 2004

Von Christoph Seils

Im April 1945 stand Maria Hofer das letzte Mal vor der Potsdamer Garnisonskirche. "Wundervoll" sei der Bau gewesen, schwärmt die heute 87-Jährige, "ein barockes Schmuckstück". Kurze Zeit später wurde die Kirche von britischen Bomben zerstört. Die Turmruine, die der Krieg übrig ließ, wurde 1968 im Auftrag von Walter Ulbricht gesprengt, um Platz zu schaffen für realsozialistische Stadtplanung. Und so trippelt Anna Hofer auf dem Gehsteig zwischen grauen Bürobauten und einer sechsspurigen Ausfahrtsstraße hin und her und versucht sich zu erinnern, wo genau einst der Turm der preußischen Hof- und Garnisonkirche stand. Von der 1735 erbauten Kirche sind nur drei metallene Messpunkte geblieben. Zwei sind in den Asphalt gehauen, einer in den Bürgersteig. Der vierte fehlt, weil ein Gebäude im Wege steht. Genau an diese Stelle jedoch wünscht sich Maria Hofer die alte Kirche zurück. "Wie wollen das alte Stadtbild wiederhaben", sagt sie und kann gar nicht aufhören, von früher zu träumen: "Ach, was meinen Sie, wie romantisch Potsdam war."

Solch naive Begeisterung kann Martin Vogel nicht so recht teilen. Natürlich spricht auch der Stadtkirchenpfarrer von der "genialen architektonischen Leistung". Das alte Potsdam aber hat der 34-Jährige nie erlebt, und vielleicht denkt er deshalb nicht so sehr an die alte Stadtansicht, sondern an den "Missbrauch" des Gotteshauses. Schließlich war die Garnisonkirche nicht irgendeine Kirche, sondern eine Soldatenkirche. Hier wurde vor allem preußischer Militarismus zelebriert. Am 21. März 1933 ließ Hitler am so genannten "Tag von Potsdam" im Schulterschluss mit dem preußischen Bürgertum die Eröffnung des ersten Reichstages nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten inszenieren. An einem Sonntag zur Gottesdienstzeit wiederum ließ der SED-Führer Walter Ulbricht im Juni 1968 die Turmruine sprengen.

So viel deutsche Geschichte birgt Konfliktstoff. Lange wollte Potsdam deshalb nichts vom einem Wiederaufbau der Garnisonkirche wissen. Doch mittlerweile begeistern sich immer mehr Potsdamer für das historische Stadtbild. Straßen werden zurückgebaut, der alte Stadtkanal wieder freigelegt. Sofern sich private Investoren finden, soll das Stadtschloss im alten Glanz neu entstehen. Fehlt nur noch die Garnisonkirche, die in der Sichtachse des Schlosses stand.

Theoretisch könnte mit dem Wiederaufbau des Turms sofort begonnen werden. Fast sechs Millionen Euro hat der Verein "Traditionsgemeinschaft Potsdamer Glockenspiel" bereits gesammelt, zwei Drittel der geschätzten Baukosten. Trotzdem steht der Baubeginn in den Sternen. Heillos sind die Stadt, die Kirche und der Traditionsverein zerstritten. Es ist ein bizarrer Streit zwischen Ost und West, Jung und Alt, ein Streit um die richtige Erinnerung und den rechten Glauben. Weil in Potsdam mittlerweile jedes Wort um den Wiederaufbau der Garnisonkirche zum Politikum werden kann, tut sich Stadtpfarrer Martin Vogel schwer, den Konflikt zu beschreiben. Er stockt, sucht nach den rechten Worten und bleibt schließlich vage: "Die Situation ist, sage ich mal, ein bisschen schwierig."
Derjenige, den die Potsdamer für die festgefahrene Situation verantwortlich machen, sitzt tief im Westen, schreibt wütende Briefe und stellt immer neue Bedingungen für die Bereitstellung des Spendengeldes. Von einer besonderen geschichtlichen Verantwortung will der Vorsitzende der Traditionsgemeinschaft, Max Klaar, nichts wissen. "Eine Kirche ist eine Kirche ist eine Kirche", sagt er mit Stakkato in seiner Stimme. Widerspruch ist der Oberstleutnant a. D. nicht gewohnt. Originalgetreu soll die Kirche wieder aufgebaut werden und als Ort der "Verkündigung der Heilszusage Gottes" dienen. In preußischer Tradition solle der Ort die Menschen lehren, "dass wir Gott mehr gehorchen müssen als den Menschen", so Klaar, nur dafür hätten die Spender ihr Geld gegeben.

Dabei hat die Debatte über die zukünftige Nutzung der wiedererrichteten Garnisonkirche in Potsdam erst begonnen. "Ungebrochen" ließe sich an die Geschichte nicht anknüpfen, sagt Martin Vogel. Nichts aber will der Traditionsverein wissen von einem internationalen Versöhnungszentrum oder etwa einem Lernort. Die evangelische Kirche würde statt der alten Wetterfahne gerne nach dem Vorbild des englischen Coventry als Symbol der Versöhnung ein Nagelkreuz auf die Turmspitze setzen. Kommt nicht in Frage, sagt Klaar, und schimpft über linke Pastoren und über kirchlichen Zeitgeist. Reden will er nicht mehr. "Unser Vorschlag ist nicht kompromissfähig, nicht verhandelbar." Punkt, aus, basta, Ende der Debatte.

Solche Töne sind die Potsdamer nicht gewohnt. Einen Dickschädel nennen sie Klaar, und einen Traditionalisten, engstirnig und beratungsresistent. Selbst langjährige Mitstreiter in Potsdam hat Klaar verprellt. "Die Traditionsgemeinschaft verkennt vollkommen die Potsdamer Befindlichkeit", sagt Stephan Goericke. Jahrelang hat er den Traditionsverein in Potsdam vertreten, sich aber mittlerweile mit Max Klaar überworfen. "Die Frage, welcher Glaube der rechte ist, interessiert die Potsdamer nicht", sagt er. Wie auch, schließlich gehört nicht mal mehr jeder fünfte Einwohner der Kirche an.

© Christoph Seils, Berlin