Achtung, öffnet in einem neuen Fenster. Drucken

„Ich war gerne in der FDJ“

Elf Jahre lang arbeitete Angela Merkel in der DDR am Zentralinstitut für physikalische Chemie der Akademie der Wissenschaften, ein Leben zwischen Theorie und Mangel, zwischen Nische und Anpassung, zwischen Systemkritik und FDJ.

Cicero, Dezemberl 2004

Von Christoph Seils

Eine Femtosekunde ist der millionste Teil einer milliardstel Sekunde. In einer oder vielleicht auch ein paar mehr solcher Femtosekunden reagieren Moleküle. Die Frage, mit welcher Geschwindigkeit diese zerfallen, wenn sich ein Wasserstoffatom von einem Methylradikal CH3 abspaltet, ist experimentell nicht zu beantworten. Sie ist von wenig praktischem Interesse und ohne erkennbaren volkswirtschaftlichen Nutzen. Reine Theorie. Selbst eine Grundlagenforscherin braucht viel wissenschaftlichen Langmut und hohes Abstraktionsvermögen, um sich einer Antwort auf diese Frage zu nähern.

Angela Merkel beschäftigt diese Frage sieben Jahre lang. Im Herbst 1978 kommt die frisch diplomierte Physikerin aus Leipzig nach Berlin, forscht fortan in der theoretischen Abteilung des Zentralinstituts für physikalische Chemie (ZIPC) an der Akademie der Wissenschaften der DDR. Sie bezieht einen alten Schreibtisch in einer kleinen grauen Baracke, streift jeden Morgen ihre Ärmelschoner über und taucht fortan ab in die Welt der Sinuskurven, Femtosekunden und Kohlenwasserstoffmoleküle.

Eine junge, kontaktfreudige, aber noch etwas naive Wissenschaftlerin drängt da in einen Club von sieben Männern. Sie gibt sich selbstbewusst. Schon bei der ersten Begegnung mit einem zehn Jahre älteren Kollegen legt die damals 24-Jährige Wert auf die richtige Betonung ihres Vornamens: „Ich heiße Àngela und nicht Angéla“, und da weiß der Kollege: „Die müssen wir erst nehmen.“

Die Akademie der Wissenschaften der DDR war ein Hort der Erkenntnis. Zwar gab auch hier die SED die Linie vor, aber anders als an den Universitäten, wo die systemkonforme Ausbildung der Studenten im Mittelpunkt stand, duldet die Partei hier mehr abweichende Meinungen, mehr kritischen Geist, mehr Nischen. 25 000 Menschen arbeiten an der Akademie, darunter 12 000 Wissenschaftler, Spitzenwissenschaftler, selbst solche mit Weltniveau. Allein auf dem Campus in Berlin-Adlershof arbeiten 8000 Menschen. Es ist eine eingezäunte und privilegierte Welt, mit Poliklinik und Autowerkstatt, mit einer Buchhandlung, in der Bückware in den Regalen steht, und einem „Konsum“, in dem es fast das ganze Jahr Bananen gibt. Die DDR weiß, sie muss ihre geistige Elite materiell ein wenig bei Laune halten.

Das Forschen ist ja mühsam genug. Immer wieder hört man in der theoretischen Abteilung des ZIPC sarkastische Kommentare über den fast unmöglichen Kontakt zu Forscherkollegen im Westen oder über den lahmenden russischen Großrechner, der die mühsam gestanzten Lochkarten mal wieder nicht bearbeitet. Dabei kann Angela Merkel von Glück reden, dass es sie hierher verschlagen hat. Die experimentellen Abteilungen des Instituts stehen ganz anders unter Druck. Was hingegen können Theoretiker, die sich mit Methylradikalen und Geschwindigkeitskonstanten beschäftigen, schon zur „konsequenten Intensivierung der Volkswirtschaft“ beitragen? Nichts. Der Sozialismus braucht das nicht, er leistet es sich.
Dafür steht das baufällige Theoriegebäude auch ein wenig abseits. Drinnen sind am Ende des Ganges durch eine zusätzliche Tür zwei Zimmer mit vier Schreibtischen abgetrennt. Hier öffnet sich Angela Merkel eine andere, eine bildungsbürgerliche Welt. Hier wird gequatscht, geflucht, geschimpft – ohne vorher nervös über die eigene Schulter zu blicken. Zu den Vieren gehört zum Beispiel Ulrich Havemann, der Sohn des SED-Dissidenten Robert Havemann, der wie sein Vater an einen demokratischen Sozialismus glaubt. Zeitweise kommt Michael Schindhelm hinzu, der später ins Theaterfach wechselt und heute Direktor des Baseler Schauspielhauses ist. Mindestens zweimal am Tag kocht Angela Merkel Kaffee. Dann reden die Naturwissenschaftler über Theater und Literatur, über Demokratiedefizite und Umweltverschmutzung. Sie alle kennen Rudolf Bahros „Alternative“ oder die berühmte Weizsäcker-Rede zum 8. Mai. Gemeinsam lesen sie Gorbatschows Reden über Glasnost und Perestroika im russischen Original. „Wir waren alle gegen das Regime“, erinnert sich einer der Kollegen, „aber niemand konnte sich vorstellen, dass sich an den herrschenden Verhältnissen etwas ändern könnte.“ Eine Revolution ist weit weg, die Einheit undenkbar, der Westen ein anderes Universum.

Angela Merkel vertritt im kleinen Kreis eine eigene Meinung, aber sie agitiert nicht. Und ganz so heil ist die Welt dann doch nicht. Ein Kollege entpuppt sich als Denunziant. Frank Schneider ist nicht nur ein eifriger mitdiskutierender SED-Genosse. Er berichtet zugleich als „IM Schnaffi“ der Stasi über die Kollegen, so auch über Angela Merkels Kontakte zur Kulturszene am Prenzlauer Berg und von ihrer Begeisterung für die polnische Solidarnosc. „Politisch-ideologische Diversion“, nennt das der Führungsoffizier.

Michael Schindhelm hat seine Erinnerung an seine zwei Jahre in der Abteilung theoretische Chemie in einem Roman literarisch verarbeitet. Er schafft darin die Figur der „illusionslosen Jung-Wissenschaftlerin“ Renate, die „seit etlichen Jahren vor sich hin promoviert“. „Pathos beseelt sie nur im Zusammenhang mit einsamen Radtouren in der Mark Brandenburg.“ So sei es nicht gewesen, widersprechen Kollegen, es habe in dem ganzen Kollektiv eine große Lust an der Erkenntnis gegeben, den Ehrgeiz, sich mit herausragenden Leistungen in der Fachöffentlichkeit einen Namen zu machen, international, auch im Westen. Selbst Michael Schindhelm sagt, er habe bei Renate nicht primär an Angela Merkel gedacht. Doch auf dem CDU-Partei 2000, auf dem Angela Merkel zur Vorsitzenden gewählt wird, liest sie aus dem Roman vor, macht sich die Figur Renate zu Eigen. Vielleicht war Angela Merkel an der Akademie der Wissenschaften illusionsloser, als viele ihrer Kollegen glauben mochten, zumindest rückblickend.
Doch das Biotop ist klein. Außerhalb herrscht keine so vertrauensvolle Atmosphäre und es gibt unangenehme Pflichten. Kein Wissenschaftler kann sich Jahr für Jahr vor der Teilnahme an der Mai-Demonstration drücken oder jede der Gewerkschaftsversammlungen schwänzen. Kneifen geht manchmal, Weigern schafft Probleme, Protestieren gefährdet die Promotion. Als 1981 in Polen das Kriegsrecht verhängt wird, kritisiert ein Doktorand dieses im Marxismus- Leninismus-Unterricht so heftig, dass es ihn seine Karriere kostet. Angela Merkel weilt zu diesem Zeitpunkt zu einem Studienaufenthalt in Prag, aber so etwas spricht sich herum.

Der Besuch des akademieeigenen Instituts für Marxismus-Leninismus ist auch für Angela Merkel Pflichtprogramm. Ohne Grundkenntnisse und Abschlussarbeit gibt es keinen Doktortitel. „Jeder Wissenschaftler musste an der Akademie seine Kompromisse machen“, sagt ein ehemaliger Kollege, der sich rückblickend in der Rolle eines „Minimalopportunisten“ beschreibt. „Anpassung ist auch – selbstverständlich – Teil meines Lebens gewesen“, bekennt Angela Merkel im Oktober 1991 in einem Gespräch mit dem Journalisten Günter Gaus. Doch wo ist im autoritären Sozialismus die Grenze zwischen Anpassen und Anbiedern. Ein Kollege, der immer darauf geachtet hat, den Karrieristen und Ideologen möglichst aus dem Weg zu gehen, wundert sich schon, wie offen Angela Merkel „den Roten“ gegenüber ist, wen sie alles kennt, mit wem sie so plaudert. Doch er sagt auch, Angela Merkel habe sich nie kompromittiert. Nie habe sie versucht, sich mit ideologischen Zugeständnissen Vorteile zu verschaffen, zum Beispiel eine begehrte Forschungsreise in den Westen.

Vor allem wundern sich einige Kollegen, was die Pastorentochter Angela Merkel noch mit Mitte zwanzig bei der FDJ sucht. Für Schüler und Studenten in der DDR gehörte die FDJ zum Pflichtprogramm, aber für Wissenschaftler eben nicht mehr. Heute windet sich die CDU-Vorsitzende, wenn sie danach gefragt wird. Sie weiß, das ist schlecht fürs Image, vor allem im Westen. In einem Gespräch mit Hugo Müller-Vogg sagt Angela Merkel im Jahr 2003: „Vielleicht hätte ich die Kontakte über die FDJ überhaupt nicht gebraucht.“ Sie spricht von der Gefahr, „weiter hineingezogen zu werden“ und von einer „ungeheueren Gratwanderung“. 1991 klang das anders. Da sagt sie dem Journalisten Günter Gaus: „Ich war gerne in der FDJ.“ Sie spricht von der „Unterbetätigung“ am Institut, von den vielen Dingen, die die FDJ unternommen hat, sowie von „70 Prozent Opportunismus“.

Vor allem am Anfang fühlt sich Angela Merkel in Berlin nicht besonders wohl. Die junge Doktorandin leidet an der Großstadt, sie leidet an ihrer Ehe und sucht Kontakt zu Gleichaltrigen. Da kommt die FDJ-Gruppe gerade recht. Zudem bietet die FDJ für Mitglieder subventionierte Theaterkarten, günstige Urlaubsreisen und kostenlose Russisch-Sprachkurse in der Sowjetunion. Angela Merkel weiß das Angebot zu schätzen und zu nutzen.
Irgendwann gehört sie dann auch der ehrenamtlichen FDJ-Leitung des Instituts an, für jemanden, der sich engagiert, ist dies ein kleiner Schritt. Ob sie in der FDJ-Leitung Sekretärin für Agitation und Propaganda war, wie sich Mitstreiter von einst erinnern, oder Kultursekretärin, wie Merkel beteuert, ist im Grunde zweitrangig. Denn die Leitung versteht sich gut, Angela Merkel fühlt sich aufgehoben. Sie stört sich auch nicht daran, dass die halbe FDJ-Leitung aus jungen SED-Mitgliedern besteht. Nur das Angebot, selber Genossin zu werden, lehnt sie ab.

Aus der FDJ-Leitung wird eine Clique, gemeinsam organisieren sie Institutsfeste, Buchlesungen und Vorträge. Diskutiert wird viel und sie laden dazu Experten zu realsozialistischen Tabu-Themen wie Selbstmord, Steuersystem oder Frauenrechte ein. Ihre Auffassungen unterscheiden sich nicht so sehr in der Kritik des realen Sozialismus, sondern in der Frage: „Kann man innerhalb des Systems etwas ändern“ oder „bringt es nichts“. Angela Merkel gehört zu Letzteren, doch das stört die Harmonie nicht. Auch außerhalb des Instituts sind die FDJler Freunde, sie gehen zusammen ins Theater, trinken gelegentlich zu viel schlechten Rotwein. Als Angela Merkel eine Wohnung besetzt, streichen die FDJler die Wände, schleppen die Möbel. Nur Privates erzählt Angela Merkel kaum. Von Eheproblemen, von der Trennung von ihrem ersten Mann erfahren die Freunde erst, als sie bei einem von ihnen vor der Tür steht und um einen Schlafplatz für die Nacht bittet.

Nach drei, vier Jahren geht die Gruppe wieder auseinander. Einer wechselt den Arbeitsplatz, ein anderer gründet eine Familie. Angela Merkel konzentriert sich auf den Abschluss ihrer Doktorarbeit. Im Januar 1986 ist sie endlich fertig. Anschließend wechselt sie die Abteilung, reine Theorie war ihr vielleicht auf Dauer doch zu langweilig. In der Abteilung „physikalische Methoden der analytischen Chemie“ berechnet sie nun Modelle für die Erforschung der Kernspinresonanz. Auch in der Abteilung von Klaus Ulbricht, der heute SPD-Bezirksbürgermeister in Berlin-Köpenick ist, geht es diskutierfreudig zu. Aber Angela Merkel schwankt weiter zwischen Engagement, Resignation und Forschungseifer. Die friedliche Revolution in der DDR erlebt sie am Arbeitsplatz. Wenige Tage nach dem Fall der Mauer reist sie pflichtbewusst ins polnische Thorn, um an einer Konferenz teilzunehmen. Erst als sie zurückkommt, beginnt sie, sich im Demokratischen Aufbruch zu engagieren. Der Rest der Geschichte ist bekannt.

© Christoph Seils, Berlin