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Das Ende des Schreckens

Sie waren Perfektionisten des Terrors und am Ende zerrüttet und zerstritten: Der dritten RAF-Generation blieb vor zehn Jahren nur die Selbstauflösung.

ZEIT Geschichte 03/2008

Von Christoph Seils

Der Brief, der am 20. April 1998 im Büro der Nachrichtenagentur Reuters in Köln eingeht, ist neun Seiten lang und mit dem RAF-Logo unterzeichnet. Die Erklärung enthält die sattsam bekannten ideologischen Floskeln und nur oberflächliche Selbstkritik. Aber die RAF verkündet darin nicht weniger als ihr eigenes Ende.

Eine Sensation ist dies zwar nicht mehr. Der letzte Anschlag – auf einen Gefängnisneubau im hessischen Weiterstadt – liegt schließlich schon fünf Jahre zurück. Dennoch stellt sich die Frage: Kann man dieser Ankündigung trauen? Denn die Erklärung enthält kein Wort der Reue. »Heute beenden wir das Projekt«, steht dort lapidar, »die Stadtguerilla in Form der RAF ist Geschichte.« Nach 28 Jahren des Terrors und 34 Morden.
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Der Anstoß zur Selbstauflösung kam vermutlich von Birgit Hogefeld. Dabei sitzt diese schon fünf Jahre hinter Gittern. Von 1984 bis 1993 war die schmächtige Frau mit den kurzen Haaren eine Leitfigur der dritten RAF-Generation. 1996 hatte das Oberlandesgericht Frankfurt sie wegen mehrfachen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt. Zwei Jahre hatte Birgit Hogefeld während des Prozesses zu den Vorwürfen geschwiegen und stattdessen staatliche Repression und »Isolationsfolter« angeprangert.

Am vorletzten Prozesstag jedoch sind ungewohnte Töne von ihr zu hören. Sie bricht aus der hermetischen Welt des Terrors aus, spricht von »Verirrungen und Fehlern«, nennt zumindest den Mord an einem US-Soldaten, dessen Ausweis die RAF 1985 für den Anschlag auf die US-Airbase Ramstein brauchte, »zutiefst unmenschlich«. Das Ende der RAF sei »lange überfällig«. Mit deutlichen Worten kritisiert sie die militärische Eskalation: »Wir waren denen, die wir bekämpfen wollten, sehr ähnlich und sind ihnen wohl immer ähnlicher geworden.« – »Heute denke ich, dass eine Selbstreflexion allerspätestens 77 hätte einsetzen müssen.«

Es ist in der Tat eine völlig andere Terrororganisation, die da 1998 ihre Selbstauflösung verkündet. Eine andere als jene Gruppe um die Journalistin Ulrike Meinhof, die im Mai 1970 ein wenig unbeholfen den Exzentriker Andreas Baader aus dem Gefängnis befreit. Auch mit der zweiten Generation, die ihre Idole aus dem staatlichen Verlies befreien will und mit ihrer »Big Raushole« scheitert, hat sie wenig gemein.

Die Mitglieder der dritten RAF-Generation sind Perfektionisten des Terrors. Sie sprengen 1989 das Auto des Deutsche-Bank-Chefs Alfred Herrhausen mit einer Bombe, die durch eine Lichtschranke gezündet wird. Sie erschießen 1991 den Treuhandchef Detlev Karsten Rohwedder aus 63 Meter ­Entfernung in seinem Arbeitszimmer. Sie sind militärisch perfekt ausgebildet, technisch versiert, und sie hinterlassen fast keine Spuren. Nicht einmal die Hälfte der bis zu 20 Mitglieder der dritten RAF-Generation kennt die Bundesanwaltschaft mit Namen. Nur Wolfgang Grams und Birgit Hogefeld kann sie mit gewisser Sicherheit der Kommandoebene zuordnen. Von den zehn Morden zwischen 1985 und 1993 kann sie lediglich bei einem den Täter zweifelsfrei benennen.

Dabei sieht es 1977 nach den Selbstmorden von Stammheim zunächst so aus, als sei die RAF zerschlagen worden. Die Gruppe ist militärisch gescheitert und durch Verhaftungen dezimiert. Zudem haben sich insgesamt zehn RAF-Mitglieder vom Terror abgewandt und sind mit Unterstützung der Stasi in der DDR abgetaucht. Im Oktober 1982 schließlich entdecken Pilzsucher in einem Wald südlich von Frankfurt das zentrale Erddepot der RAF. Die Polizei muss nur noch darauf warten, dass ihnen mit Brigitte Mohnhaupt und Christian Klar die strategischen Köpfe der zweiten RAF-Generation in die Arme laufen.

Doch bevor Mohnhaupt und Klar verhaftet werden, haben sie bereits die Saat für die nächste Generation gelegt. In ihrem sogenannten Mai-Papier plädieren sie Anfang 1982 für einen Strategiewechsel: weg von der Fixierung auf die Gefangenenbefreiung, hin zu politischen Massenbewegungen. Und sie finden unter ihren Sympathisanten solche, die bereit sind, dafür in den Untergrund zu gehen, unter ihnen Wolfgang Grams und seine Freundin Birgit Hogefeld.

Beide gehören auch biografisch einer anderen Generation an. Die Mitglieder der neuen RAF stammen nicht mehr aus der Studentenbewegung. Sie wurden nicht mehr in der Auseinandersetzung mit dem verdrängten Nationalsozialismus sozialisiert, sondern durch Proteste gegen Atomkraftwerke, die Startbahn West in Frankfurt oder die Nato. Ein Jahrzehnt lang hat Wolfgang Grams die Haftbedingungen der RAF-Mitglieder angeprangert, er hat einige von ihnen im Knast besucht und für die Illegalen gelegentliche Kurierdienste erledigt. 1984 will er selbst »in den Krieg ziehen«.

Dabei passt Grams gar nicht ins gängige Klischee eines kaltblütigen Terroristen. Ehemalige Freunde beschreiben ihn als nachdenklich und sensibel. Trotzdem wird er zur treibenden Kraft des Neuaufbaus. Die RAF rekrutiert neue Kämpfer, und sie tötet wieder.

Die Offensive startet mit einem Hungerstreik der Häftlinge. Das Signal zum Losschlagen gibt Brigitte Mohnhaupt am 4. Dezember 1984 im Gerichtssaal des Stuttgarter Oberlandesgerichts. Doch anders als in den Siebzigern existiert kein breites sympathisierendes Umfeld mehr, das, wie 1977 der anonyme Autor Mescalero, eine »klammheimliche Freude« über die RAF-Morde empfindet. Im Gegenteil stoßen die brutalen Hinrichtungen auch in der radikalen Linken auf Ablehnung. Die RAF hat sich isoliert.

Das Jahr 1989 stellt für die RAF eine weitere Zäsur dar. Die Mauer fällt, die DDR-Aussteiger fliegen auf, die Kronzeugenregelung ermöglicht ihnen milde Urteile. So mancher RAF-Mythos verblasst: die Mär vom selbstlosen und solidarischen Kampf, die These vom staatlichen Mord in Stammheim.

Kurz danach unterbreitet der damalige Bundesjustizminister Klaus Kinkel (FDP) den RAF-Häftlingen ein verlockendes Angebot. Er stellt ihnen die vorzeitige Entlassung in Aussicht, wenn im Gegenzug die Illegalen von ihrem »schrecklichen Tun« ablassen. Die RAF geht indirekt darauf ein und kündigt in der ihr eigenen Sprache an, sie wolle »Angriffe« auf Wirtschaftsbosse und Politiker »für den jetzt notwendigen Prozess einstellen«.

Kinkels Initiative befördert die Spaltung der RAF. Die Hardliner unter den Häftlingen, allen voran Brigitte Mohnhaupt, weisen das Angebot zurück. Dagegen signalisieren etwa die Stockholm-Attentäter Karl-Heinz Dellwo und Lutz Taufer Entgegenkommen. Sie wollen nur noch eins: raus aus dem Knast. Und während unter den Häftlingen vom »Bruch« die Rede ist, gelingt dem Verfassungsschutz ein Coup. Zum ersten und einzigen Mal platziert er einen V-Mann in der Terrorgruppe.

Am 27. Juni 1993 kommt es dann auf dem Bahnhof von Bad Kleinen zur letzten Konfrontation – und zu einer dramatischen Polizeipanne. Der V-Mann Volker Steinmetz will sich in der ostdeutschen Provinz mit Hogefeld und Grams treffen. Aber obwohl fast 100 Polizisten vor Ort sind, darunter 37 GSG-9-Beamte, gelingt es nicht, das Terroristenpärchen reibungslos festzunehmen. Es kommt zu einem Schusswechsel. Wolfgang Grams erschießt einen GSG-9-Mann, bevor er unter ungeklärten Umständen selbst mit einer Kugel im Kopf stirbt. Ein Desaster für die Polizei.

Und auch für die RAF ist es ein Fiasko. Sie ist keine Gefahr mehr, sondern nur noch ein Phantom. Die Häftlinge sind zerstritten, die kleine Sympathisantenschar ist orientierungslos, eine vierte Generation gibt es nicht. Der V-Mann hat zudem das Misstrauen tief in die eigenen Reihen getragen.

Der letzte Schritt der RAF ist folgerichtig. Es ist nicht bekannt, wer die Selbstauflösungserklärung vom April 1998 formuliert hat – aber die Autoren halten Wort.

© Christoph Seils, Berlin